von Dr. Ingrid Olbricht
Seit der Gründung des Wildunger Arbeitskreises für Psychotherapie (WAP) im März 1985 finden jährliche Tagungen statt mit Themen, die von der Mitgliederversammlung zusammengetragen und abgestimmt werden und die immer aktuelle Fragen, Probleme und Zusammenhänge aufgreifen. In unserer Gesellschaft hat die Gewaltbereitschaft besorgniserregend zugenommen, Kriege, Folter, Verfolgung von Minderheiten und Andersdenkenden sind kein Thema der Vergangenheit sondern hoch aktuell. Die Folgen wirken sich negativ in unserer Gesellschaft und in jedem einzelnen Menschen aus. Besonders betroffen sind aber auch immer Frauen, sei es durch sexualisierte Gewalt in der Kindheit oder Vergewaltigungen, Gewalt im häuslichen Umkreis oder in Kriegssituationen. Aus diesem Grund hat die Tagung des Wildunger Arbeitskreises für Psychotherapie vom 17. bis 21.03.2001 das Thema: Vom Überleben zum Leben - Traumtherapie und Sinnfindung. Traumata als Folge von Katastrophen, Krankheit, Kriegen und Gewalterfahrung hat es immer gegeben. Gleichzeitig gab es aber auch immer wieder die kollektive Verdrängung, das aktive Leugnen, das Stillschweigen, die Amnesie, wie der Blick in unsere jüngere geschichtliche Vergangenheit zeigt. Immer wieder gab es Beschreibungen und Forschungsansätze, die aber in der Vergangenheit nicht konsequent verfolgt, sondern immer wieder abgebrochen wurden.
Traumata sind eben das eigentlich Undenkbare, Überwältigende und die Beschäftigung damit fördert starke Emotionen und Kontroversen zu Tage, so dass immer wieder die Grenzen der Belastbarkeit erreicht werden. Aufrüttelnde Ereignisse wie Kriege, wie der Holocaust, wie sexuelle Gewalt an Kindern, die ein Wegschauen und kollektives Verdrängen verunmöglichen, förderten endgültig die Traumaforschung, zumal nun auch die apparativen Voraussetzungen gegeben sind, wissenschaftlich die hirnbiologischen und hirnphysiologischen Folgen von Traumata zu erkennen, zu bestätigen und Kontrollen der verschiedenen Therapieansätze und Traumatherapietechniken zu ermöglichen.
So wurden in den Vorträgen die Grundlagen zum Verständnis von Traumawirkungen dargestellt, von der Stress- und Hirnphysiologie (Herr Prof. Dr. Sachsse) über die Entwicklungsfolgen (Frau Dr. Olbricht) bis hin zu Krankheitsbildern der Posttraumatischen Belastungsstörungen und der Dissoziativen Identitätsstörung (Frau Dipl.-Psych. Huber) sowie deren Behandlung, über ressourcenorientierte Traumatherapie und geschlechtsdifferenzierte Arbeit (Frau Dr. Reddemann) wurde ein weiter Bogen hin zum Überleben und zu Heilungsmöglichkeiten gespannt. Die Folgen der Gewalt gegen Frauen in Kriegen (Frau Dr. Hauser) und des Holocaust (Herr Prof. Polk) sowie der Umgang mit der Nazivergangenheit (Herr Dr. Moser) zeigten weitere Perspektiven des Themas auf. Der Darstellung des Umgangs der Polizei mit Gewaltfolgen (Herr Dipl.-Psych. Peter, Herr PHK. Langefeld) folgte schließlich ein Überblick über Grundlagen und Techniken der Traumabearbeitung (Herr Dr. Hofmann) - ein facettenreicher Überblick über ein bedrückendes und hoch aktuelles Geschehen. Die Thematik wurde vertieft in zahlreichen Kursen und Seminaren, in denen Auswege, Überlebens- und Lebensmöglichkeiten und therapeutische Hilfsangebote vorgestellt wurden, während das abwechslungsreiche Begleit- und Abendprogramm Erholungsmöglichkeiten und Ausblicke in andere Lebenswelten boten. Dass die Thematik aktuell ist und die Therapieansätze sehr interessieren, zeigte auch die in diesem Jahr sehr hohe Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer (464 Personen der unterschiedlichsten Berufsgruppen). Unser Thema für die Tagung vom 16. bis 20.03.2002 ist völlig anders, aber ebenso hochaktuell, denn es geht um den Einfluss der neuen Medien auf verschiedene Bereiche unserer Persönlichkeit und unserer Gesellschaft, der dann auch wieder in der Psychotherapie auftaucht und einbezogen werden muss. Unser Kommunikationsverhalten ändert sich völlig, wie auch die Sprache, sogar der Kommunikationsbegriff selbst zeigt sich im Wandel, der sich bis hin in die Beziehungen auswirken wird. Die Grenzen zwischen Realität und der virtuellen Welt vermischen sich zunehmend, es entsteht eine Kultur der Simulation, die unsere Vorstellungen von Persönlichkeit, Identität, Realität und vom einheitlichen persönlichen Selbst hin zum erweiterten und künstlichen Selbst und hin zur künstlichen Intelligenz verändert. Der Cyberspace wird Teil unserer täglichen Erfahrung, die Art und Weise, wie personale Identität erzeugt wird, ändert sich grundlegend. Das hat Einfluss auf die Entwicklung von Kindern, auch Lernverhalten und Lernziele, Umgang mit Beziehungen und Realität werden davon geprägt, genauso wie der Umgang der Generationen miteinander. Wer lernt heute von wem? Uns was beinhaltet Wissen und was bedeutet heute Weisheit? Aber auch neue, nicht stoffgebundene Süchte werden deutlich. Spielsucht oder Online-Sucht beispielsweise greifen um sich. Unsere Gesellschaft befindet sich mitten in einer stürmischen Entwicklung und in einer Veränderung von Gewohnheiten und Werten. Darauf wird in Zukunft auch die Psychotherapie reagieren- sicherlich antwortet sie im Stil der Zeit mit der Entwicklung von Therapiecomputern - und ein neues Verständnis für eine veränderte Welt und neue Wertekategorien finden müssen.
Jedenfalls verspricht auch die Jahrestagung 2002 spannend,
interessant und bereichernd zu werden.
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