AB: Herr Dr. Heine, seit wann gibt es die DEGEMED und warum wurde sie gegründet?
Die DEGEMED wurde 1996 von Unternehmern und Unternehmen der Medizinischen Rehabilitation gegründet und hatte zu dieser Zeit ihre Geschäftsstelle am Sitz von Bundestag und Bundesregierung, also in Bonn. Ihre Gründung war sozusagen eine Reaktion auf das damalige Wachstums- und Beschäftigungsförderungsgesetz, das die Budgets der Renten- und Krankenversicherung für Rehamaßnahmen drastisch beschnitt - mit allen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Folgen für Patienten, Kliniken, Beschäftigte und Kurorte. Darum schlossen sich
einige namhafte Klinikunternehmen - darunter die Wicker Gruppe - zu einer Fachgesellschaft zusammen, eben der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation e.V., und zwar mit dem Ziel, die Qualität der Medizinischen Rehabilitation weiterzuentwickeln und ihre Bedeutung im Bewusstsein der Öffentlichkeit so zu festigen, dass derart drastische Einschnitte vorbei an den tatsächlichen gesundheitlichen Bedürfnissen der Menschen nicht mehr vorkommen sollten.
AB: Welche Aufgaben hatte sich die DEGEMED in diesem Zusammenhang vorgenommen?
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Dr. phil. Wolfgang Heine
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Die Aufgaben der DEGEMED ergaben und ergeben sich aus dieser Zielsetzung. Sie hat durch Veröffentlichungen und Tagungen - auch zusammen mit Renten- oder Krankenversicherungsträgern -, ferner durch Kontakte und Stellungnahmen auf der politischen Ebene dazu beigetragen, dass die Qualitätsentwicklung und Wirksamkeit der Medizinischen Rehabilitation nachhaltig gefördert worden ist, dass die Bedeutung der Medizinischen Rehabilitation gerade auch für den Personenkreis der chronisch Kranken wieder ernst genommen wurde, und dass
der überragende Stellenwert der Medizinischen Rehabilitation im Wandel unserer Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft klarer erkannt wird als früher. Ich denke, es wird eine der wichtigsten Aufgaben der DEGEMED sein, die Entwicklungen im Gesundheitswesen und im Wirtschaftsleben aufmerksam zu beobachten und in ihrer Bedeutung für die Medizinische Rehabilitation fruchtbar zu machen.
AB: Klingt das nicht sehr idealistisch?
Keineswegs, sondern sehr materialistisch. Die Menschen werden immer älter, und gleichzeitig stehen zunehmend weniger Jüngere dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Deshalb will ja die Politik die Lebensarbeitszeit verlängern, um die Erfahrungen Älterer länger nutzen zu können und gleichzeitig die Budgets der Sozialversicherungsträger zu entlasten; Leistungsfähigkeit und Lebensqualität durch Gesunderhaltung sollen gefördert werden. Die Medizinische Rehabilitation ist eines der wichtigsten Instrumente, mit denen diese Zielsetzungen
unterstützt werden. Denn sie sorgt dafür, dass Menschen länger erwerbstätig sein können, auf diese Weise Beitragszahler zur Sozialversicherung bleiben und keine frühere Rente oder lange Krankengeldzeiten in Anspruch nehmen müssen. Damit verringert Rehabilitation die Kosten von Arbeitsausfallzeiten, begrenzt den Anstieg der Beitragssätze zur Sozialversicherung, stabilisiert im Alter die Teilnahme am sozialen Umfeld und am Gesellschaftsleben. Das ist der gesetzliche Auftrag der Medizinischen Rehabilitation: betriebs- und volkswirtschaftlich von Nutzen zu sein und
zugleich einen sozialethischen Auftrag - das Helfen und Heilen - zu erfüllen.
AB: Welche Rolle spielen dabei die Klinikunternehmen? Denn die DEGEMED ist ja eine von Unternehmern, nicht von Wohltätigkeitsvereinen, gegründete und finanzierte Vereinigung!
Die Frage beantwortet sich von selbst, wenn wir bedenken, dass sich schätzungsweise drei Viertel aller Reha-Einrichtungen in privater Hand befinden. Der Staat hat bewusst - und in den vergangenen Jahren immer mehr - die Ausführung von Rehamaßnahmen privaten Einrichtungen überantwortet. Die Sozialversicherungsträger bleiben für die Maßnahmen verantwortlich, aber umgesetzt auf dem Stand der medizinischen und psychosozialen Erkenntnis, weiterentwickelt und wirksam gemacht werden sie von den Mitarbeitern in den Einrichtungen
und ihren Unternehmensleitungen. Da ist ein großes Innovationspotential vorhanden. Deshalb hat sich die DEGEMED im November letzten Jahres als Unternehmerverband der Medizinischen Rehabilitation neu gebildet, ohne ihren Charakter als Fachgesellschaft aufzugeben. Insofern spielt die DEGEMED eine Doppelrolle: Sie vertritt die wirtschaftlichen Interessen ihrer Mitglieder, denn die Rehabilitation ist mit ihren Tausenden von Beschäftigten ein wichtiger Dienstleistungsbereich. Und zugleich vertritt sie - wie die Sozialversicherungsträger auch - gegenüber der Politik und
für die Patienten die fachlichen und ideellen Interessen der Medizinischen Rehabilitation. Darum sind wir im vergangenen Jahr von Bonn nach Berlin gezogen, um näher am Parlament und an den anderen Verbänden des Gesundheitswesens zu sein.
AB: Damit sind für die Arbeit der DEGEMED Kooperationen entscheidend. Mit wem arbeitet denn die DEGEMED zusammen?
Sachgegeben mit verschiedenen Partnern. Da sind die Sozialversicherungsträger und ihre Spitzenverbände, aber auch die Privatversicherungen, die sich zunehmend für die Rehabilitation interessieren. Da sind die Vereinigungen von Patienten und Betroffenen, ferner die Vertreter der Rehabilitationswissenschaft. Aber auch die Verbände von Leistungserbringern, die für die Rehabilitation von Bedeutung sind - zum Beispiel die medizinischen Fachgesellschaften, die Physiotherapie, die Hersteller von Heil- und Hilfsmitteln. Und selbstverständlich
die Kontakte zu den Abgeordneten und den Ministerien. Nur wenn man ein solches Netzwerk pflegt, kann man Verständnis erzeugen, Brücken bauen, Konsense erreichen und Ziele gemeinsam durchsetzen. Deshalb ist, und das liegt uns als Dienstleistungsverband besonders am Herzen, die Kooperation der DEGEMED-Mitglieder untereinander so wichtig, um sich - bei aller bestehenden Konkurrenz auf dem Markt - in den gemeinsamen Interessen einig zu sein. Ohne Basis-Solidarität kein Wettbewerb. Das haben schon die gesetzlichen Krankenkassen mit ihrem Wort vom „solidarischen Wettbewerb“
erkannt.
AB: Wie wird denn in diesem Zusammenhang die DEGEMED von Rentenversicherungsträgern, Krankenkassen oder anderen Reha-Trägern beurteilt?
Ich würde sagen: Mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Auf der einen Seite können sich die Reha-Träger auf die DEGEMED als Mitstreiter im Kampf um die Erhaltung und den bedarfsgerechten Ausbau einer qualifizierten Rehabilitation verlassen. Auf der anderen Seite sind wir Lobby-Verband und kämpfen für die wirtschaftlichen Interessen unserer Mitglieder gegen die budgetverordnete Sparsamkeit der Reha-Träger. Bei etlichen von ihnen gewinnt man mittlerweile den Eindruck, als ob die Rehabilitation bloß noch Dispositionsmasse
ist, weil der Akutbereich zuviel Geld kostet. Also geht es nur noch darum, welche Reha-Klinik weniger Geld für ihre Leistungen verlangt als andere, und nicht darum, welche Reha-Klinik mehr Qualität bietet als andere. Aber unser Ziel muss es im Interesse der Rehabilitation und damit der Patienten doch sein, einen Qualitäts-Wettbewerb zu erzeugen, und nicht einen Preis-Wettbewerb. Man könnte ja auch einmal ketzerisch fragen, ob nicht mehr Geld vom Akutbereich in den Reha-Bereich umgeschichtet werden müsste; denn die Rehabilitation hilft vielen Erkrankten, bei denen
die Akutmedizin ihre Bemühungen längst aufgegeben hat, oder sie hilft dort, wo die Akutmedizin versagt hat.
AB: Was hat denn die DEGEMED Ihrer Ansicht nach bisher erreicht und was ist geplant für die nähere Zukunft?
Die erste Pionierleistung der DEGEMED, so könnte man sagen, war es, die Qualitätsnormen der DIN EN ISO, die bekanntlich nicht nur im Industriebereich, sondern mittlerweile auch im Gesundheitsbereich vielfach angewandt werden, auf die Verhältnisse einer Reha-Klinik zu übersetzen und mit einem sehr anspruchsvolles Qualitätsmanagement zu verbinden. Dem Aufbau des Qualitätsmanagement folgt dann die Zertifizierung nach DIN EN ISO, modifiziert durch die Qualitäts-Grundsätze der DEGEMED. Mittlerweile fragen zunehmend mehr Einrichtungen,
die - noch, kann man sagen - nicht zu unseren Mitgliedern gehören, das DEGEMED-Verfahren nach. Deshalb haben wir vor einigen Monaten zusammen mit dem Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover sowie anderen Beteiligten das „Institut für Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement in der Medizinischen Rehabilitation“ (IQEM) gegründet, das unsere Verfahren weiterentwickeln und Grundlagenforschung betreiben wird. Dann sind wir gerade dabei, eine Reha-Akademie aufzubauen, wo wir für unsere Mitgliedseinrichtungen, aber auch für
Externe Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen für die Qualitäts-Rehabilitation anbieten. Ausserdem bereiten wir einige Modellprojekte vor, in denen unsere Mitglieder ihre Leistungsfähigkeit miteinander vergleichen können - man nennt das neudeutsch „benchmarking“ -, um voneinander zu lernen, was man noch besser machen kann. Und dann organisieren wir regelmäßig Fachtagungen zu aktuellen Themen, um die Öffentlichkeit und uns zu informieren. Ich meine, das ist gerade im Hinblick auf die kommenden Bundestagswahlen besonders wichtig. Da spielt die Gesundheitsreform
eine so zentrale Rolle, und wir müssen darauf achten, dass die Medizinische Rehabilitation den ihr zukommenden Platz erhält und behält.
AB: Eine letzte Frage, Herr Dr. Heine: Sie haben so viel über die deutschen Verhältnisse gesprochen. Welchen Veränderungen wird sich die DEGEMED im Zeichen von EU-Erweiterung und Globalisierung stellen? Könnten Sie dazu noch etwas sagen?
Ich habe bewusst über die „deutschen Verhältnisse“ gesprochen, wie Sie es nennen, weil wir die Medizinische Rehabilitation - ich spreche nicht von „Kur“ oder „Wellness“ - in der ganzheitlichen und multiprofessionellen Ausprägung, wie wir sie kennen und handhaben, nirgendwo sonst im europäischen Ausland vorfinden. Deswegen brauchen wir als Unternehmer auch keine Angst zu haben, wenn das Sozialgesetzbuch Neun als neues Rahmengesetz für die Rehabilitation es jetzt zulässt, dass Reha-Maßnahmen auch im Ausland finanziert
werden, wenn sie dort bei gleicher Qualität und Wirksamkeit wirtschaftlicher erbracht werden. Denn die „gleiche Qualität“ müssen Sie im Ausland erst einmal finden. Das spricht freilich überhaupt nicht dagegen, sich auf die Suche nach ausländischen Versorgungsmodellen - etwa für chronisch Kranke - zu begeben, von denen wir lernen und die wir in unsere Reha-Konzepte einbauen können. Deshalb wird sich eine Tagung der DEGEMED im April nächsten Jahres mit diesem Thema europaweit befassen. Außerdem wird der Einfluss der im EU-Vertrag verbrieften Dienstleistungsfreiheiten
auf das Gesundheitswesen immer größer, Menschen können sich im Ausland behandeln lassen. England zum Beispiel hat unter dem Eindruck der Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs die Grenzen geöffnet, damit englische Patienten auch im europäischen Ausland behandelt werden können, um so die Wartelisten, etwa für Operationen, zu verkürzen. Aus diesen Gründen haben wir schon vergangenen April in Brüssel eine Europa-Vertretung eingerichtet, um bei der Europäischen Kommission am Ball zu bleiben. Und es müssen sich die Gesundheitsdienstleister auf europäischer Ebene
stärker organisieren - etwa eine europäische Plattform für die Reha bilden. Auch daran arbeitet die DEGEMED. Denn unsere Leistungen können ein Exportschlager sein! Soweit - Stichwort „Globalisierung“ - das nicht-europäische Ausland betroffen ist, gibt es ja auch da ein Interesse an deutscher Rehabilitation: Die Menschen kommen zu uns und lassen sich bei uns behandeln. Aber das sind immer noch Ausnahmefälle. Insofern sollten wir einen zweiseitigen Prozess unterstützen - unsere Reha-Modelle in ausländischen Gesundheitssystemen verbreiten und für die Reha in deutschen
Kliniken werben.
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