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Wicker Magazin
7. Ausgabe - Juli bis Dezember 2002
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Patienteninteressen in der Qualität medizinischer Versorgung
 

Evidence based Medicine

von Dr. Rohleder Stiller
Frau Dr. Rohleder-Stiller, Ärztin für Innere Medizin, Chefärztin Wicker-Klinik Bad Wildungen
Frau Dr. Rohleder Stiller (ZOOM)

Herr M., 63 Jahre alt, hat einen neu festgestellten Diabetes mit Blutzuckerwerten um durchschnittlich 230 mg%, das HbA1c ist 8, die Blutdruckwerte liegen bei 160/90 mmHg, er hat 20 kg Übergewicht, lebt und isst gern und hat bis jetzt keine Folgen von Bluthochdruck oder Diabetes.

Sein Bruder, der Arzt ist, hat ihm gesagt, wenn er nicht innerhalb von drei Monaten normale Zuckerwerte hat, ist sein Risiko für einen Herzinfarkt im nächsten Jahr 30%. In einer Gesundheitssendung hat er gehört, dass er auf keinen Fall Zucker essen darf. In der Rehabilitation, die er eigentlich wegen Wirbelsäulen- und Gelenkbeschwerden angetreten hat, hört er, dass die Zuckersenkung zunächst mal für das Infarktrisiko egal sei, eine Rolle spiele dann nur der hohe Blutdruck. Im Internet findet er viele Informationsquellen, ist aber unsicher, welche qualitativ gut ist. Ein Kollege ist vor drei Monaten an einem Herzinfarkt verstorben und Herr M. ist nun in Panik, dass ihm dasselbe passiert.

Seinen jungen Hausarzt, der kurz vor Antritt der Rehabilitation die erhöhten Blutzuckerwerte festgestellt hat und der ihm von neuesten Studien zum Diabetes erzählt hat, hat Herr M. mit der Frage verblüfft: Und woher wissen Sie, dass die Studien gut sind? Und treffen die überhaupt auf mich zu? Und wenn für mich ein Leben ohne Einschränkung beim Essen wichtiger ist, was raten Sie mir dann?

Damit hat der Patient die zentralen Elemente der "Evidence based Medicine" (EbM) thematisiert nämlich Integration von

  • bestverfügbarem Wissen
  • klinischer Expertise (z. B. Anwendbarkeit auf diesen individuellen Patienten)
  • individuelle Patientenpräferenz
Auch für medizinische Laien ist es durchaus möglich, sich die notwendige Expertise zu verschaffen, um medizinische Informationen auf ihre Brauchbarkeit hin zu überprüfen. Dies geschieht mit einer Checkliste (DISCERN-Instrument). Übergeordnetes Ziel ist dabei, die Verbraucher bzw. Patienten aktiv mit einzubeziehen in die Gestaltung der medizinischen Versorgung.

Die ÄZQ (Ärztliche Zentralstelle für Qualitätssicherung) hat zu diesem Zweck ein Patientenforum eingerichtet: www.patienten-information.de. In Kooperation mit der ÄZQ sind wir im Rahmen unserer Patientenschulung an diesem Projekt beteiligt, wobei in das in den Kliniken ohnehin laufende "Gesundheitstraining" Inhalte und Methodik aus dem Patienteninformationsforum integriert werden und der Patient unter anderem lernt, sich auch Informationen aus dem Internet zu beschaffen und zu bewerten.

Ein zweiter Aspekt ist die Umsetzung der drei oben genannten Prinzipien der EbM in den Alltag.

Um auf das Anfangsproblem zurückzukommen: Man kann sicherlich eine Menge gut gemeinter Ratschläge geben wie: Sie sollten abnehmen oder Sie sollten sich mehr bewegen usw.. Eine mögliche Antwort wäre: Das Risiko für einen Diabetiker in den nächsten 7 Jahren einen Schlaganfall zu erleiden ist gegenüber einem Nichtdiabetiker 5-fach so hoch (10% gegenüber 2%), für einen Herzinfarkt 7-fach (20% gegenüber 3%). Aber: Die Blutzuckersenkung bringt dabei keine Verminderung des Risikos (Es wurden zwei Vergleichsgruppen untersucht, wobei die eine einen Zielwert vom Nüchternblutzucker unter 108 mg% hatte, die andere 250 mg%, wobei die Ergebnisse in Bezug auf Herzinfarkt- und Schlaganfallverminderung gleich waren.)

Also gar nichts tun?
Nein, denn durch eine blutdrucksenkende Behandlung lässt sich das Schlaganfallrisiko um den Faktor 2,5 senken und zur Blutdrucksenkung gibt es neben Medikamenten auch die sogenannten Lebensstilmodifikationen, die dann noch im Einzelnen im Gesundheitsschulungsprogramm besprochen werden.

Fazit: Auch wenn viele Fragen offen bleiben, die Arzt-Patienten-Diskussion wird mit Sicherheit "mehr Feuer" haben.

Dr. med. C .Rohleder-Stiller
Ärztin für Innere Medizin
Rehabilitationswesen
Chefärztin Wicker-Klinik Bad Wildungen

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