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 Startseite > Inhalt > WAP-Tagung · 16. bis 20. März 2002 in Bad Wildungen
WAP-Tagung: Neue Medien und Psychotherapie
 

Neue Medien und Psychotherapie - zwischen Faszination und Frustration
16. bis 20. März 2002 in Bad Wildungen

von Dr. Ingrid Olbricht und Dr. Dietrich Eck

Das Thema der 17. Arbeitstagung des Wildunger Arbeitskreises für Psychotherapie e.V. wurde zwei Jahre vorher von der Mitgliederversammlung beschlossen und erwies sich bei der Planung als schwierig in verschiedener Hinsicht. Es war nicht einfach, fachkompetente Vortragende zu finden, die auch bezahlbar waren, außerdem ist das Thema vielfältig und hat ganz unterschiedliche Aspekte. Deshalb gelang es uns bei dieser Tagung erstmals in der
17-jährigen Veranstaltungsgeschichte nicht, unser satzungsgemäßes Ziel der paritätischen Besetzung mit Frauen und Männern zu erreichen. Drei Viertel der User sind männlich, und so fanden wir zu diesem Thema ganz überwiegend nur männliche Vortragende. Eigentlich erstaunlich, denn mit der Entwicklung der Computerprogramme war eine Frau sehr eng verbunden: Die Mathematikerin Ada Countess of Lovelace (1815-1852) entwarf die Programme für die von Babbage 1833 konzipierten ersten Rechner mit Programmsteuerung und stellte umfangreiche eigene Berechnungen an. Im Jahr 1975 ordnete das Pentagon die Entwicklung einer universell einsetzbaren Computersprache an, die zur Erinnerung an die Computerpionierin den Namen ADA bekam.

Mit dem Thema waren wir allerdings der Zeit wieder einmal um Jahre voraus. Das Problembewusstsein für die neuen Medien bildet sich erst langsam heraus, die Auswirkungen auf seelische Strukturen werden erst langsam sichtbar, im Augenblick überwiegen noch Faszination und Euphorie gegenüber den fast schon unbegrenzten Einsatzmöglichkeiten. Aus diesem Grund war , verglichen mit den Zahlen der letztjährigen Traumatagung, die Teilnahme rückläufig: 310 statt fast 500 Menschen interessierten sich für dieses Thema.
Die Vorträge waren wieder vielseitig. Herr Prof. Dr. Jürgen Gidion traf die Überzeugung von vielen mit dem Zitat: "Der Kampf mit den neuen Medien ist unendlich". Er formulierte Fragen und Sorgen der Eltern-Generation zur Persönlichkeitsentwicklung, zur Ausbildung einer sicheren Identität, zu Fragmentierungen und Scheinidentitäten, zum veränderten Sozialverhalten und zur Neudefinition des Zeitbegriffs.
Herr Ludwig Janssen wies eindrücklich auf die Möglichkeiten im Internet hin für Therapeutinnen und Therapeuten, Betroffene und Angehörige, Selbsthilfegruppen, Beratung und Therapie bis hin zur Installierung von Online-Praxen. Die Faszination im Umgang mit den neuen Medien wurde deutlich spürbar.
Herr Dr. Lutz Besser beschrieb die Auswirkungen von Gewalt durch die neuen Medien auf die Entwicklung von Kindern wie die Traumatisierung durch die Darstellung von Gewaltszenen. Auch die Überstimulierung und Stressentstehung mit den dazu gehörigen Symptomen und Verhaltensauffälligkeiten durch die Darbietung von extrem kurzen Eindrücken ohne die Möglichkeit der emotionalen Verarbeitung, die Zeit benötigt und einen Rahmen, in dem verarbeitet werden kann, wurde dargestellt.

Frau Christiane Weber zeigte die künstlerischen Möglichkeiten der neuen Medien auf. Am Beispiel von "Frankensteins Monster", das gefüttert wird, seinerseits füttert und provoziert, es weiter zu füttern, wurden Interaktionen aufgezeigt. Was für Wesen entstehen da und wo ist die Grenze - gibt es überhaupt Grenzen?
Herr Dr. Janis Androutsopoulos konnte die Begeisterung für die Welt der Chat-Rooms vermitteln. Er erklärte die Regeln, wie Gefühl ausgedrückt und wie immer mehr die gesprochene Sprache zur Schriftsprache wird. Er zog den Vergleich zur Sprache in Mickey-Maus-Heften. Er versicherte aber, dass es auch bei häufigen Aufenthalten in Chat-Rooms möglich bleibt, ganz normale Briefe zu schreiben - immerhin tröstlich.
Herr Prof. Dr. Dr. Robert Olbrich stellte die Nutzung von Computerprogrammen für die Durchführung von systematischem Gedächtnistraining bei psychiatrischen Patienten, die Aufgaben und die Ergebnisse vor.
Herr Gidon Horowitz schilderte in seinem umfassenden Abendvortrag unter anderem auch die Macht- und Ohnmachtsproblematik im Umgang mit Computern und zog Verbindungen zu frühkindlichen Erfahrungen.
Herr Dr. Wolfgang Bergmann verglich ebenfalls die Interaktionen mit dem Computer mit frühkindlichen Entwicklungsmöglichkeiten und Lösungsstrategien. Im Internet gibt es keine Frustration wie in der Realität, das Spiel beginnt immer wieder von neuem bis hin zum Gefühl ozeanischer Unendlichkeit und Allmacht. Lediglich wenn der Computer abstürzt, zeigen sich Realität und Frustration.
Herr Prof. Dr. Dr. Gerald Hüther stellte die neuen Ergebnisse der Hirnforschung vor, die ergaben, dass sich das Gehirn lebenslang verändern und weiterentwickeln kann, wenn die Bedingungen es möglich machen. "Use it or loose it" ist das Motto der Gehirnentwicklung.

Die vermittelten Inhalte wurden durchgängig in allen Vorträgen in einer Sprache und mit lebendigen Beispielen dargestellt, die es auch Nicht-Fachleuten ermöglichte, ohne Verständnisschwierigkeiten oder Langeweile zuzuhören.
An den Nachmittagen wurden in zahlreichen Seminaren und Kursen Kenntnisse vermittelt oder Methoden vorgestellt, aber es gab auch die Möglichkeit etwas für sich selbst und die eigene Lebensqualität mit zu nehmen. Dazu kam ein abwechslungsreiches Programm mit morgendlichem Qi Gong, einem Märchenabend, einer abwechslungsreichen optischen und akustischen Darbietung chinesischer Miniaturen und dem beliebten "Tanzen zum Tagungsthema".
Wie immer war auch das liebevoll gestaltete Umfeld im Foyer des Kurhauses, das wieder fast einem Marktplatz mit verschiedenen Angeboten glich, verlockend. Tonerlebnisse der besonderen Art vermittelten die Klangobjekte des Künstlers Andreas Vandrey, die überwiegend aus hohlen Bäumen gestaltet sind und in Therapie und Pädagogik eingesetzt werden können, aber auch einfach das Spielen, Lauschen und Entspannen ermöglichen. Ein ähnliches Angebot stellte die Firma Allton mit ihren Klangobjekten aus, die ebenfalls praktisch erprobt und erfahren werden konnten. Die inspirierenden beweglichen Folkman - Stofftiere, die für Therapie, Entspannung und Spiel gleichermaßen geeignet sind, fanden ebenso viel Interesse wie der gut sortierte und kompetent betreute Büchertisch von Frau Schoenian, Buchhandlung Schoplik. Auch der Stand der Wicker Kliniken mit vielseitigem Informationsmaterial war durchaus ein Anziehungspunkt.
Alles in allem war es wieder eine Tagung, die in ihrer Vielseitigkeit bei hoher wissenschaftlicher Qualität und abwechslungsreichem Programm und Umfeld zu überzeugen wusste.
Die 18. Arbeitstagung findet vom 22. - 26. März 2003 statt zum Thema: "Die Dynamik der Gefühle - ressourcenorientiert leben".

Für 2004 haben wir uns das Thema: "Die Wiederentdeckung der Magie - Intuition, Spiritualität, Weisheit" vorgenommen, das einen weiten Bogen durch Weltanschauungen, Zeiten und Methoden schlagen soll.


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