 |
Enquetekommission
 |
"Zukunft einer frauengerechten Gesundheitsversorgung" |
| in Nordrhein-Westfalen |
von Dr. med. G. Fröhlich-Gildhoff
| Oberflächlich betrachtet steht es nicht schlecht um die Gesundheit von Frauen. Schließlich haben sie eine deutlich höhere Lebenserwartung als Männer und außerdem gibt es die Frauenheilkunde und Frauenärzte. Also: alles prima? |
|
Wer sich die Zeit nimmt, tiefer zu blicken, stößt ganz schnell auf Beispiele
und Belege, die hinter dem schönen Schein eine oftmals geschlechtsblinde Medizin offenbaren. So belegt zum Beispiel eine Studie aus der notfallmedizinischen Versorgung, dass männliche Pa-tienten von Ärzten länger wiederbelebt werden als Frauen. Nach einem Herzinfarkt werden Frauen häufiger mit Medikamenten versorgt, die nicht dem neuesten Stand der Forschung entsprechen und zudem ein hohes Abhängigkeitspotential aufweisen. Viele Medikamente werden ausschließlich an männlichen Probanten getestet, jedoch später auch Frauen verabreicht, ohne dass
im Vorfeld geschlechtsspezifische Forschungs-ergebnisse vorliegen. Dies sind nur drei kleine Beispiele für Defizite in der Versorgung von Frauen im deutschen Gesundheitssystem. Obwohl in den letzten 20 Jahren eine Fülle von Erkenntnissen aus der Frauengesund-heitsforschung und aus der Praxis der Frauengesund-heitsprojekte
veröffentlich worden sind, ist die gesund-heitliche Versorgung im engeren Sinne, außer im Bereich der Geburtshilfe, merkwürdig unberührt geblieben von diesen Erkenntnissen. So
muss die Versorgung von Arztpraxen, in Krankenhäusern, in den meisten Reha-Kliniken bis heute als in der Regel geschlechts-unsensibel charakterisiert werden.
|
 |
Dr. med. G. Fröhlich-Gildhoff
Chefärztin der Abt. Psychosomatik an
der Wicker-Klinik Bad Wildungen |
|
Im Mai 2001 nahm die Enquetekommission "Zukunft einer frauengerechten Gesundheitsversorgung" in Nordrhein-Westfalen ihre Arbeit auf. In die Kommission wurden außer mir noch fünf weitere externe Sachverständige berufen. Hinzukommen entsprechend den Mehrheitsverhältnissen im nordrhein-westfälischen Landtag neun Mitglieder des Landtags sowie fünf Fraktionsreferentinnen und drei Mitarbeiterinnen des Kommissionssekretariats. Die Enquetekommission trifft sich durchschnittlich einmal monatlich. Ihre Aufgabe besteht darin auf der Grundlage einer Bestandsaufnahme, Analyse und Bewertung gegenwärtiger Unzulänglichkeiten in der Gesundheitsversorgung von Frauen in Nordrhein-Westfalen konkrete
Maßnahmen und Handlungsempfehlungen zur Förderung einer frauengerechten gesundheitlichen Versorgung zu erarbeiten. Dabei sollen entsprechende Vorgaben und Erfahrungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Weltfrauenkonferenz, der
Europäischen Union, anderer ausgewählter Länder, des Bundes und anderer Bundesländer berücksichtigt werden, soweit dies für Nordrhein-Westfalen relevant und übertragbar ist. Bei der Bestandsaufnahme soll unter anderem der Zugang von Frauen zum Gesundheitswesen untersucht werden, mit der Fragestellung, wie dem Wunsch von Frauen, ihre eigene Kompetenz zu stärken, entsprochen werden kann. Ziel soll es unter anderem sein, Frauen durch unabhängige und qualitätsgesicherte Informationen über den Umgang mit Gesundheit und Krankheit die Grundlage für eigene Entscheidungen zu bieten. Es sollen außerdem geschlechtsspezifische differenzierte Kriterien zur Prävention, Diagnostik und Therapie von Frauen und Männern erarbeitet werden. Unterschiede im Kontakt zwischen Ärztin/Arzt auf der einen Seite und Patientin/Patient auf der anderen Seite sollen Berücksichtigung finden. Im Bereich der klinischen, medizinsoziologischen und epidemiologischen Forschung werden
geschlechtsspezifische Unterschiede noch unzureichend berücksichtigt. Der männliche Körper und männliches Verhalten wird zur Norm erhoben, von der Frauen "abweichen". Es soll erforscht werden, welche Ursachen dieser Betrachtungsweise zugrunde liegen und wie man sie verändern kann.
Konkret beschäftigt sich die Enquetekommission derzeit mit folgenden Themenbereichen:
-
Psychische und psychosomatische Erkrankungen von Frauen
-
Frauen und Medikamente
-
Herzkreislauferkrankungen bei Frauen
-
Gewalt gegen Frauen und Mädchen: Versorgungsbedarf und Anforderung an das
Gesundheitswesen
Anforderungsprofile und Ressourcen von Müttern
-
Gesundheitsgefährdungen, Erkrankungen und Ressourcen pflegender Angehöriger
-
Hinderungsgründe für eine frauengerechte Gesundheitsversorgung
-
Frauen und Arbeitswelt
Als weitere Themen sind in Planung:
-
Medikalisierung von körperlichen Umbruchphasen im Leben von Frauen und Mädchen
-
Spezifische Anforderung an die Beratung zur Pränataldiagnostik, künstliche Befruchtung
und den verschiedenen Möglichkeiten des Umgang mit ungewollter Kinderlosigkeit
-
Frauenspezifische Aspekte bei HIV-Infektion
Außerdem prüft die Kommission, wie die gesundheitlichen Belange mit Anforderungen verschiedener besonderer Gruppen von Frauen (Frauen mit Behinderungen, obdachlose Frauen, Prostituierte, Lesben ...) in der Arbeit der Enquetekommission berücksichtigt werden können.
Es sollen Kriterien für die Forschungs- und Förderungsvergabe entwickelt werden, die zu geschlechtsspezifischer Ausgewogenheit (Gender-Sensibilität) bei der Vergabe von Forschungs- und anderen Förderungsetats beitragen können.
Die Enquetekommission hört während ihrer Arbeit externe Expertinnen und Experten an, vergibt Forschungsaufträge, organisiert öffentliche Veranstaltungen, macht Studienfahrten und Ortsbesichtigungen und Projektforschungen. Sie soll im Jahr 2004 einen ausführlichen Bericht mit Handlungsempfehlungen, die die Landeskompetenzen berücksichtigen, vorlegen, um zukünftig verbesserte Rahmenbedingungen für eine frauen- und schließlich geschlechter-gerechtere Gesundheitsversorgung in Nordrhein-Westfalen zu ermöglichen.
Für mich ist die Mitarbeit in der Enquetekommission außerordentlich interessant und bereichernd. Außer dem beständig fließenden, umfangreichenden Informationsmaterial zur aktuellen Frauenforschung ergeben sich insbesondere bei der Diskussion mit den übrigen Sachverständigen neue Aspekte zur frauengerechten Gesundheitsversorgung, die auch in unsere alltägliche Arbeit der Klinik einfließen. Neben der Erweiterung meiner persönlichen Erfahrungen und Erkenntnisse zur frauengerechten Gesundheitsversorgung nutze ich die Mitarbeit in der Kommission, um die spezifischen Gesichtspunkte und Probleme der Rehabilitation für Frauen auch auf politischer Ebene deutlich zu machen, da die teilnehmenden Politikerinnen über wenig Sachkenntnis diesbezüglich verfügen. Nach meiner Einschätzung gewinnt das Gender-Mainstreaming im gesamten Gesundheitswesen zunehmend an Relevanz. Auch im Rahmen der
Qualitätsdiskussion wird die geschlechts-spezifische Betrachtungsweise von Gesundheit zukünftig eine Rolle spielen. Mit diesem Artikel möchte ich daher die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kliniken anregen, sich mit der Gender-Frage im Bereich ihres Arbeitsfeldes zu befassen, da die Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Bedürfnisse in der Rehabilitation von Frauen und Männern für eine fortschrittliche Rehabilitation selbstverständlich werden wird.
www.wicker-klinik.de · gildhoff@wicker-klinik.de
| Was ist Gender-Mainstreaming? Unter Gender-Mainstreaming versteht man die (Re-) Organisation, Verbesserung, Entwicklung und Evaluation von Entscheidungsprozessen in allen Politikbereichen und Arbeitsbereichen einer Organisation. Das Ziel von Gender-Mainstreaming ist es, in alle Entscheidungsprozesse die Perspektive des Geschlechterverhältnisses einzubeziehen und alle Entscheidungsprozesse für die Gleichstellung der Geschlechter nutzbar zu machen. Gender-Mainstreaming im Gesundheitsbereich meint, dass Geschlechteraspekte in allen Projekten selbstverständlich werden. Jedes Gesundheitsprojekt wird daraufhin überprüft, inwieweit es zum Abbau geschlechtlicher Ungleichheit in der Gesundheit und der gesundheitlichen Versorgung beiträgt. |
|
Was ist eine Enquetekommission? Mit der Einsetzung von Enquetekommissionen verfolgt der Landtag das Ziel, Entscheidungen über komplexe Querschnittsthemen vorzubereiten. Die sollen den Landtag in die Lage versetzen, gesellschaftspolitische Anforderungen aufzugreifen und Grundlagen für eine längerfristige Planung der parlamentarischen Arbeit zu schaffen. Im Unterschied zu "normalen" Fachausschüssen des Parlamentes arbeiten in den Enquetekommissionen Abgeordnete und von den Fraktionen benannte Sachverständige gleichberechtigt zusammen. Das Ergebnis der Kommissionsarbeit ist ein Bericht, der dem Landtag vorgelegt wird. Dieser Bericht enthält noch keine bindenden Beschlüsse, sondern Handlungsempfehlungen, die nach entsprechender Beratung im Landtag umgesetzt werden. Enquetekommissionen bilden
somit ein einzigartiges Instrument, um externen Sachverstand in zukunftsweisende politische Entscheidungen einfließen zu lassen. |
|
|