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9. Ausgabe · Juli - Dezember 2003
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Physiotherapie bei MS-PatientInnen Daniel Goldberg
Physiotherapie bei MS-PatientInnen Daniel Goldberg
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In der Behandlung von Menschen die an Multipler Sklerose (MS) erkrankt sind, kann ein stationäres Rehabilitationsheilverfahren einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der körperlichen und psychischen Leistungsfähigkeit, sowie des seelischen Wohlbefindens leisten. Damit werden die Voraussetzungen geschaffen, die den betroffenen Menschen ermöglichen sollen eine größtmögliche Selbstständigkeit im Leben mit dieser Krankheit zu erhalten. Ein wichtiger Bestandteil eines solchen Heilverfahrens (HV), wie es zum Beispiel auch in der Wicker - Klinik in Bad Wildungen durchgeführt wird, ist die Physiotherapie. Da zu den häufigsten Symptomen der MS auch Funktionsstörungen des Bewegungsapparates gehören, werden bei fast allen Patienten / innen mit dieser Krankheit entsprechende therapeutische Maßnahmen während der Reha eingeleitet. Da sich Verlauf und die aktuelle Symptomatik von Betroffenen zu Betroffenen sehr voneinander unterscheiden können, führt die Physiotherapieabteilung mit jedem Patient / jeder Patientin zu Beginn des HV eine gesonderte Aufnahmetestung durch. Diese hat den Zweck, in Absprache mit dem betreuenden Arzt, sowie anderen beteiligten Therapiebereichen ( wie z. B. Ergotherapie, Physikalische Medizin, Psychologen ) ein den individuellen Bedürfnissen unserer Patienten angepasstes Therapieprogramm zu erstellen. Gerade weil die MS so viele unterschiedliche „Gesichter“ hat, würden pauschale „Standardprogramme“ oft ins Leere laufen. Dabei werden der Schweregrad der Erkrankung, die momentane Belastbarkeit der Erkrankten, spezifische Schwächen aber auch Fähigkeiten, sowie konkrete Wünsche und Erwartungen der einzelnen Patienten / innen erfasst. Viele unserer betroffenen Gäste haben auch bereits Vorerfahrungen mit Physiotherapie / Krankengymnastik. Nicht wenige unserer Gäste kommen in einer gewissen Regelmäßigkeit zur stationären Reha in unsere Klinik, die sie praktisch wie ein „Trainingslager“ erleben, das ihnen hilft mit dieser Krankheit zu leben und den Alltag zu Hause besser zu bewältigen. Zu den Elementen eines so erstellten Therapieprogramms können diverse Therapiegruppen, Einzelkrankengymnastik, Bewegungsbäder (ebenfalls als Einzel- oder Gruppentherapie möglich) und Hippotherapie ( bei entsprechenden Voraussetzungen) gehören. Außerdem sind bei Patienten / innen mit erheblichen Beeinträchtigungen der Gehfähigkeit noch zusätzliche begleitende Maßnahmen wie mechanisches Bewegungs- oder Stehtraining an entsprechenden Geräten möglich. Da Störungen des Gleichgewichts sowie der Koordination von Haltungen und Bewegungen zu den häufig auftretenden Symptomen bei der MS gehören, ist das Training dieser Funktionen oft ein Schwerpunkt der Physiotherapie. Grund hierfür ist, dass die „normale“ Verarbeitung von Reizen, welche die Schwerkraft auf unseren Körper ausübt durch diese Krankheit gestört werden kann. Ursache sind entzündliche Prozesse im Zentralen Nervensystem (ZNS), welche eine reguläre Weiterleitung von Nervenimpulsen behindern. Dies betrifft sowohl den „sensiblen“ Teil unseres ZNS (mit dem wir Dinge wie z. B. Druck oder Temperatur spüren ), als auch den motorischen Teil, der u. a. als Folge solcher Empfindungen unsere Muskeln aktiviert und dadurch bewusste wie unbewusste Haltungen und Bewegungen ermöglicht. Damit sich ein Mensch zum Beispiel von einem Stuhl erheben kann, muss sein ZNS zunächst Informationen über die Schwerkraftverhältnisse, die in dieser Situation auf den Körper wirken, aufnehmen und so verarbeiten, dass die Muskeln soviel Spannung aufbauen können, dass ihre Kraft ausreicht um das Gewicht des Körpers in die Senkrechte zu bekommen. Bewusst sind uns hierbei meistens nur die groben Bewegungsschritte. Die Vielzahl der einzelnen und kombinierten Muskelaktivitäten, die in diesem Moment ablaufen, sind uns dagegen unbewusst. Sie haben sich im Laufe der Jahre unseres Heranwachsens vom Säugling zum Erwachsenen ganz allmählich entwickelt und automatisiert. Beim Auftreten der MS können diese Bewegungsautomatismen nun in der unterschiedlichsten Ausprägung gestört sein. Das Problem einer häufig zu beobachten „Fußheberschwäche“ ist ursprünglich nicht auf eine wirkliche Schwäche der betreffenden Muskeln zurückzuführen, sondern auf den gestörten Informationsfluss zwischen Muskel und ZNS (bzw. ZNS und Muskel). Der Muskel erhält einfach nicht die erforderlichen „Nervenimpulse“ um seine Kraft entfalten zu können, was wiederum die Folge der Tatsache sein kann, dass das ZNS zuvor keine ausreichende „sensible“ Information erhalten hat. Dieses vereinfachte Beispiel soll ein wenig dazu dienen, den Ansatz für die verschiedenen, von uns Physiotherapeuten durchgeführten Maßnahmen zu verstehen. Die Möglichkeiten, Haltungen einzunehmen und Bewegungen durchzuführen, hängen zwingend auch von der Fähigkeit ab, eben diese Haltungen und Bewegungen zu „spüren“, was daher ein immer wiederkehrendes Element innerhalb unseres Therapiekonzeptes zur Behandlung an MS erkrankter Patienten ist. Dem Körper werden gezielt „Reize“ zugefügt um ihm so zu ermöglichen sein motorisches Potenzial, so weit es geht, auszuschöpfen. Im Berufs-/ Haushaltsalltag werden uns diese Reize allzu oft entzogen, was schon bei nicht an MS erkrankten Menschen häufig ausreicht, um zum Teil auch schmerzhafte Probleme mit seinem Körper zu bekommen ( die Vielzahl von degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates sei hier nur ein Beispiel ). Mit einer MS kann sich unser Organismus dieser Problematik noch schwerer entziehen. Daher sind stationäre HV aus unserer therapeutischen Beobachtung für diesen Patientenkreis von besonderer Bedeutung. Abseits des „Alltagsstresses“ ist der Körper leichter in der Lage, die für ein motorisches Lernen erforderlichen Impulse zu empfangen und adäquat zu verarbeiten. Es braucht die erforderliche Zeit und Ruhe um dem Körper die Gelegenheit zu geben sich auf die Therapieanforderungen einzustellen. Auch die Pausen zwischen den einzelnen Maßnahmen können zum Therapieerfolg beitragen, wenn sie helfen das „Erfühlte“ zu verarbeiten. Das bewusste „Erleben“ der Therapie ist ein Schlüssel um verschüttete Automatismen wieder zu aktivieren, soweit der Schweregrad der Erkrankung dies zulässt. Aus diesen Grundüberlegungen heraus sind wir stets bemüht uns unter anderem durch regelmäßige Fortbildungen unserer Mitarbeiter / innen der Physiotherapie unter Einbeziehung allgemein anerkannter Therapietechniken wie z B.: Bobath, Vojta, PNF, FBL nach. Klein -Vogelbach und weiteren, in die Lage zu versetzen, das „persönliche Therapieprogramm“ für jeden einzelnen unserer Patienten zu erstellen. Daniel Goldberg (Leiter der Physiotherapieabteilung der Wicker -Klinik )
 

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21.01.2006

 


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