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10. Ausgabe · Januar - Dezember 2004
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  Startseite > Inhalt > Querschnittslähmung - Folgen und Perspektiven, Jörg Eisenhuth
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Wie verarbeiten Menschen eine Querschnittlähmung ? In Deutschland erleiden pro Jahr ca. 1500 Menschen eine Querschnittlähmung. Ca. ⅔ davon sind Männer. Die häufigsten Ursachen sind Verkehrsunfälle gefolgt von Sport- und Badeunfällen und Berufsunfällen. Der Prozentsatz, der durch Krankheiten oder Krankheitsfolgen wie Tumorentfernungen oder Bandscheibenoperationen verursacht ist, steigt in den letzten Jahren kontinuierlich an. Ungefähr 10 % der in Deutschland pro Jahr neu auftretenden Querschnittlähmungen werden in der Werner Wicker Klinik versorgt. „So könnte ich nicht weiterleben” sagen die meisten Menschen, die von Querschnittlähmung hören. Damit drücken sie einerseits ihre große Angst vor einer Querschnittlähmung aus, andererseits zollen sie den Menschen Respekt, denen es doch gelingt, mit der Querschnittlähmung zu leben. Aber wie verarbeiten Menschen ein solches Ereignis, wo sie doch vor Eintritt der Querschnittlähmung gedacht hätten, dass sie es nicht verarbeiten könnten? Der Psychologe P. Lude (2002), der selbst querschnittgelähmt ist, wählt den treffenden Vergleich zu einem Ertrinkenden. Wenn der Ertrinkende Wasser schluckt, wird er sich nicht überlegen, ob es sich lohnt weiter zu leben, sondern er wird ganz reflexartig beginnen zu strampeln und zu schwimmen. So setzt auch ein Mensch, der von einer Querschnittlähmung betroffen ist, ungeahnte seelische Reserven frei, die ihm zunächst das Überleben sichern sollen. Dieser Überlebenskampf ist hart und nicht immer äußerlich sichtbar. Er fordert in der Regel alles, was ein Mensch aufbieten kann. Der Eintritt einer Querschnittlähmung stellt für fast jeden Menschen und seine Angehörigen die größte Herausforderung dar, der er in seinem Leben gegenübergestanden hat. Von einem Moment auf den anderen steht das gesamte Leben Kopf. Vieles, was Sicherheit gegeben hat, wird in Frage gestellt. Gesundheit, erfüllte menschliche Beziehungen, Arbeits-, Liebesund Leistungsfähigkeit, materielle Sicherheit und ideelle Werte (z. B. Selbstverwirklichung, Freiheit) sind zentrale Eckpfeiler im Leben, die durch den Eintritt der Querschnittlähmung bedroht scheinen. Viele Lebensperspektiven wirken verbaut. Gefühle wie Trauer, Schmerz, Angst oder Wut sind mögliche Ausdrucksformen dieser hohen seelischen Belastung, sowohl bei den direkt Betroffenen als auch bei ihren Angehörigen. Langfristig bedeutet Verarbeitung, wenn es den Betroffenen gelingt, trotz schwerer Einschränkungen ein für sie sinnerfülltes Leben zu führen. Hier kann es im Vergleich zum Leben vor der Querschnittlähmung durchaus qualitative Unterschiede geben. Viele Betroffene berichten langfristig von persönlichem Wachstum und Reife, die ohne Eintritt der Querschnittlähmung so nicht stattgefunden hätten. Was hilft Betroffenen im Verarbeitungsprozess? Ein gutes unterstützendes Umfeld durch Familie, Freunde und Bekannte ist ein wesentlicher Faktor bei der erfolgreichen Verarbeitung. Hier können direkt Betroffene die nötige Sicherheit und Kraft erhalten. Der Rückgriff auf frühere erfolgreiche Bewältigungsstrategien in schwierigen Situationen ist ebenfalls sehr hilfreich. Jeder Mensch hat besondere Fähigkeiten, mit denen er das Leben bislang gemeistert hat. Diese gilt es herauszufinden und zu mobilisieren. Wie gehen die Angehörigen mit einer Querschnittlähmung um? Neue Untersuchungen (Y. Lude-Sig-rist, 2002) deuten darauf hin, dass die Angehörigen mittelfristig sogar höher seelisch belastet sind als die direkt Betroffenen. Auch wenn sie nicht körperlich verletzt sind, so erleiden sie doch oft den gleichen seelischen Schmerz. Durch das Fehlen der körperlichen Verletzung scheinen sie offenbar nicht wie die direkt Betroffenen reflexartig seelische Reserven mobilisieren zu können. Gleichzeitig kommen auch auf sie vielfältige Veränderungen zu, denen sie sich stellen müssen. Langfristig können Angehörige mit der Situation gut umgehen, wenn zwischen ihnen und dem direkt Betroffenen eine gleichwertige Beziehung besteht, die alle anstehenden Aufgaben partnerschaftlich teilt und meistert. Was leisten Psychologinnen und Psychologen im Verarbeitungsprozess? Um die Betroffenen und ihre Angehörigen in ihrem Verarbeitungsprozess zu unterstützen, gibt es mittlerweile in allen Spezialzentren für Rückenmarkverletzte Psychologinnen und Psychologen. Deren Aufgabe ist, die aktiven, bereits angelaufenen Verarbeitungsprozesse der Betroffenen und ihrer Angehörigen zu stabilisieren und gegebenenfalls zu optimieren. Es geht um die gemeinsame Suche nach Perspektiven. Erfolgreich kann diese Arbeit nur dann sein, wenn die besonderen Fähigkeiten, die jeder Mensch besitzt, das Leben zu meistern, für die Verarbeitung der Querschnittlähmung mobilisiert werden können. 10. Ausgabe • Januar-Dezember 2004 www.wicker-magazin.de In der Beziehung zwischen direkt Be-mehr als vor Eintritt der Querschnitt-lichtes Poster vom DMGP-Kongress troffenen und den Angehörigen wird lähmung. Bei lediglich 13 % der Be-in Dresden, 1996. psychologisch auf die Gleichwertig-troffenen hat sich der Partner von ih-Lude P.: Querschnittlähmung: Innenkeit in der Beziehung hingearbeitet. nen getrennt. Von zufriedenstellen-sicht versus Aussensicht des Verar-Anstehende Aufgaben sollten partner-den sozialen Kontakten berichten beitungsprozesses bei Direktbetroffeschaftlich geteilt werden (Y. Lude-Sig-80 % der Betroffenen. 40 % der Be-nen, Dissertation, Bern, 2002. rist, 2002). Beziehungen, die auf zu rufstätigen haben nach Eintritt der Lude Y.: Querschnittlähmung: der großer Rücksichtnahme, Mitleid oder Querschnittlähmung wieder gearbei-Verarbeitungsprozess bei Angehörireiner Pflegetätigkeit basieren, sind tet, d. h. dass immerhin 60 % der Be-gen bzw. nahen Bezugspersonen, Disdauerhaft schwer auszuhalten. rufstätigen in Rente gehen mussten. sertation, Bern, 2002. Letztlich ist es auch die Aufgabe der Die finanzielle Situation ist bei 74 % Psychologinnen und Psychologen den aller Betroffenen gleich geblieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im oder hat sich sogar gebessert. 26 % Dr. Roman Englert, 35 Jahre, Produktmanager, Spezialzentrum für Querschnittge-berichten von einer finanziellen Ver querschnittsgelähmt: „Viele denken: Nach einem Unfall ist das Leben vorbei. Nicht mehr lebenswert. Keine Chance mehr im Job, keine Familie usw. Bei mir war genau das Gegenteil der Fall. welche Verarbeitungsprozesse bei Insgesamt weisen diese Ergebnisse Natürlich war vieles für mich anders als vorher. Aber ich wollte genau da weitermachen. Damals stand das Abitur vor mir. Nach den Betroffenen ablaufen und wie darauf hin, dass Verschlechterungen dem Studium und einer Zeit voller sportlicher Aktivitäten habe ich geheiratet. Anschließend haben wir einige Zeit beruflich im Ausland verbracht. Während des Aufenthalts wurde unsere Tochter darauf eingegangen werden kann, in bestimmten Lebensbereichen durch geboren. Inzwischen haben wir zwei Kinder und erfreuen uns an damit die Behandlung optimal und die Stabilisierung oder gar Verbesse-diesen positiven Herausforderungen.“ Es zählt, was man kann. Nicht, was man nicht kann. Früher bin ich viermal im Jahr verreist. erfolgreich verläuft. rung anderer Lebensbereiche aufge- Heute bin ich wegen meines Jobs noch häufiger unterwegs. fangen werden können. Wie können Menschen langfristig mit einer Querschnittlähmung leben? Wann hat jemand seine Querschnittlähmung verarbeitet? Untersuchungsergebnisse (Benterbusch & Eisenhuth, 1996) an 200 querschnittgelähmten Personen belegen, dass es sehr wohl möglich ist mit der Querschnittlähmung zu leben. Insgesamt sind die befragten Personen mit ihrem Leben eher zufrieden. Überdurchschnittlich zufrieden sind sie mit den Lebensbereichen Familie, Wohnsituation, Freunde, Finanzen und Partnerschaft. Unterdurchschnittlich zufrieden sind sie mit den Bereichen Sexualität, Gesundheit, Beruf und Freizeit. Betrachtet man die Veränderungen, die sich durch die Querschnittlähmung ergeben haben, ergibt sich folgendes Bild: Größere positive Veränderungen finden sich in den Bereichen Wohnen, Einkommen, Familie, Partnerschaft und Freunde, wobei sich die Bereiche Wohnen, Familie, Partnerschaft und Freunde als besonders stabil erweisen und selten negative Veränderungen zeigen. Diese negativen Veränderungen finden sich dagegen in den Bereichen Sexualität, Gesundheit, Beruf und Hobbys. Aber selbst in diesen Bereichen gibt es auch Menschen, die Verbesserungen erlebt haben. Über 70 % aller Menschen mit einer Querschnittlähmung leben in einer festen Partnerschaft. Das sind 5 % Man geht heutzutage von 2 bis 5 Jahren aus, die es braucht eine Querschnittlähmung zu verarbeiten. Erreicht ist dies, wenn das Leben wieder eine sinnvolle Perspektive bietet trotz der Einschränkungen, die die Querschnittlähmung mit sich bringt. Ein junger Mann, der seit zwanzig Jahren durch einen Schulbusunfall querschnittgelähmt ist, sagte dazu: „Als Rollifahrer kann man wahrscheinlich höchstens zu 94 % glücklich werden. Aber die restlichen 6 % erreicht auch nicht jeder Fußgänger.“ Daneben kann aber durchaus die Hoffnung weiter bestehen, irgendwann durch den medizinischen Fortschritt oder durch ein Wunder geheilt zu werden. Jörg Eisenhuth Diplom-Psychologe Psychologischer Psychotherapeut www.werner-wicker-klinik.de Werner Wicker Klinik Literatur Benterbusch B. & Eisenhuth J. : Untersuchungsergebnisse zu psychischen und sozialen Auswirkungen einer Querschnittlähmung, unveröffent-

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21.01.2006

 


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