Wicker-Magazin 11. Ausgabe 2005


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Wie kann man mit einer Querschnittslähmung leben?

Lisa selbst kann sich an diesen Tag nicht mehr
erinnern. Für ihre Eltern wird er unvergessen
bleiben.
Maschinelle Beatmung

Wie an jedem schönen Tag spielt Lisa mit ihren Freundinnen im Hof. Lisa ist sechs Jahre alt und freut sich auf die Schule im Sommer. Als der Ball vom Hof auf die Straße rollt, läuft sie gleich hinterher. Lisa weiss: Hier ist eine Spielstraße und wir Kinder haben immer Vorfahrt. Trotzdem wird sie von einem rasenden Auto erfasst. Lisa fliegt weit durch die Luft und beim Aufprall bricht sie sich einen Halswirbel. Sie ist gleich vom Hals abwärts gelähmt. Glücklicherweise ist eine Krankenschwester aus der Nachbarschaft sofort zur Stelle. Sie reanimiert Lisa und leistet Mund-zu-Mund-Beatmung. Die Polizei stellt hinterher fest, dass das Auto weit über 50 km/h gefahren ist. Im Unfallkrankenhaus erfahren die Eltern, Lisa hat eine sehr hohe Querschnittlähmung erlitten, die auch das Atemzentrum betrifft. Lisa wird nur den Kopf bewegen können und benötigt 24 Stunden am Tag eine Beatmungsmaschine. Lisa wird in die Werner Wicker Klinik verlegt. Dort besitzt man deutschlandweit die größte Erfahrung in der Behandlung hoher Querschnittlähmungen mit einer erforderlichen maschinellen Beatmung.

Lisa selbst kann sich an diesen Tag nicht mehr erinnern. Für ihre Eltern wird er unvergessen bleiben.
In der Klinik lernt Lisa unter anderem den elektrischen Rollstuhl und einen Computer mit dem Kinn zu steuern. Dies ganz allein und selbständig tun zu können wird für Lisa zum entscheidenden Lichtblick. Über das erste Bild, das sie allein auf dem Computer malt, freut sie sich riesig. Sie ist stolz, als sie es ihren Eltern präsentieren kann. Nach 6 Wochen kann sie den Computer perfekt bedienen. Dann erst fällt den Therapeuten ein, dass Lisa noch gar nicht Lesen gelernt hatte. Sie hat sich alles anhand der Bilder und der Zeichen eingeprägt. Natürlich wird auch die Entlassung nach Hause von der Klinik vorbereitet. Das Behandlungsziel der Werner Wicker Klinik ist selbst bei derart schweren Lähmungen die Entlassung in den häuslichen Bereich und nicht die Entlassung in ein Heim. Dazu ist natürlich eine rollstuhlgerechte Wohnung nötig und eine pflegerische Betreuung rund um die Uhr. Im Herbst des gleichen Jahres ist es dann soweit. Lisa wird nach Hause entlassen. Ihr kluger Kopf, ihre Stimme und ihr Kinn, mit dem sie den Rollstuhl und alle anderen elektrischen Geräte in ihrer Umgebung steuern kann, ermöglichen ihr den selbständigen Kontakt zu ihrer Umwelt. Für andere Menschen klingt das vielleicht wenig. Lisa ist das sehr viel wert. Zur Belohnung für alle macht Lisa gleich mit ihren Eltern und ihrem Bruder Urlaub in den Alpen.

Urlaub in den Alpen

Nach Ende der Herbstferien wird Lisa nachträglich eingeschult. Sie kommt in die Klasse zu ihren Freundinnen. Lisa ist heute sechzehn Jahre alt und hat gerade die mittlere Reife bestanden. Für ihre besonderen Leistungen erhielt sie vom Land Rheinland-Pfalz eine Auszeichnung. Demnächst wird sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau beginnen.

Viele Leserinnen und Leser werden sich jetzt fragen, was treibt Menschen wie Lisa an, diese Herausforderung anzunehmen und zu meistern.

Eine mögliche Erklärung liefert folgendes Modell: Unser menschliches Streben und unsere Zufriedenheit basiert auf 5 Säulen.

Jeder Mensch braucht:

  • Ein Gefühl von Gesundheit
  • Erfüllte zwischenmenschliche Beziehungen
  • Ein Gefühl eigener Arbeitsund Leistungsfähigkeit
  • Materielle Sicherheit
  • Die Verwirklichung eigener Lebensziele

Auch für Menschen mit einer Querschnittlähmung ist entscheidend, inwieweit es ihnen gelingt, diese 5 Säulen zu stabilisieren oder gar neu zu errichten.

Gesundheit
Heute befragt, sagt Lisa, sie fühle sich gesund und sie fühle sich gut. Krank sei sie manchmal so wie andere Kinder auch, wenn sie eine Erkältung oder eine Grippe habe

Beziehungen
Lisa ist ein sehr geselliger Mensch. Mit ihrer Familie zusammen bildet sie ein perfektes Team. Sie findet großen Rückhalt bei ihrer Familie. Vater und Mutter versuchen immer, ihr alles zu ermöglichen. Die vielen Beziehungen zu Freundinnen und Freunden sind ihr ebenso wichtig. Lisa nimmt an allen Ereignissen teil, auch wenn dies oft viel Vorbereitung und Aufwand bedeutet. Parties, Disco, Konzerte, Klassenfahrten und Zeltlager bereiten ihr viel Vergnügen. Hier ist sie ein Teen wie jeder andere auch.

Arbeits- und Leistungsfähigkeit
Wichtig sind Lisa die Dinge, die sie wirklich allein und selbständig machen kann. Sie ist sehr leistungsfähig am Computer oder auch in der Schule. Die ersten Schuljahre hat sie am Computer schneller geschrieben als die anderen Schüler mit ihren Händen. Sie erfährt Anerkennung für ihre Leistungen.

Materielle Sicherheit
Da das Haus der Familie nicht rollstuhlgerecht war, musste neu gebaut werden. Hier mussten die Eltern lange um Unterstützung kämpfen bis letztlich die Haftpflichtversicherung einen Teil der Kosten mit übernahm. Auch die Sicherung der Pflegekosten war ein Ringen mit den Kostenträgern. Dabei erhielt die Familie kompetente Unterstützung durch die Sozialarbeiterin der Werner Wicker Klinik.
Lisa bewohnt jetzt mit ihrer Familie ein Haus, in dem sie jedes Zimmer erreichen kann. Sie hat ihren eigenen Wohnbereich im Haus. Hier kann sie mit ihren Freunden und Freundinnen Partys feiern oder in der Küche Pizza backen. Alle elektrischen und elektronischen Geräte kann sie selbständig durch ein Umweltkontrollsystem bedienen.

Lebensziele
Ihre Lebensziele schildert Lisa folgendermaßen: Sie möchte unbedingt ihre Lehre als Bürokauffrau erfolgreich abschließen, um anschließend in diesem Beruf zu arbeiten. Zwei ganz persönliche Träume hat sie noch: Urlaub in den USA und in Australien.

Diesen Traum träumt Lisa ganz mutig und entschlossen. Ihre Eltern sind hier vorsichtiger und sehen den hohen logistischen Aufwand, der dafür nötig ist.
Auch wenn dieser Traum noch in weiterer Ferne ist, ist es wichtig solche Träume im Leben zu haben.
Alle Menschen brauchen ein Ziel im Leben auf das sie sich zu bewegen möchten. Das hält uns in Bewegung, das treibt uns an.

Jörg Eisenhuth
Diplom-Psychologe
Werner Wicker Klinik
eisenhuth@werner-wicker-klinik.de

Infos und Kontakt:
Die Familie Steffen möchte ausdrücklich auf Lisas Homepage hinweisen, da sie gern anderen Betroffenen mit Rat zur Seite steht:
Link: www.lisasteffen.de


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Aktualisiert am 27.10.2008 - Erstellt mit Zeta Producer Desktop CMS