Ernährungstherapie im Alter

von Dr. med. Ulrike Knoll

Wir alle haben gute Chancen, älter zu werden als unsere Vorfahren jemals zuvor. Die heute 30- jährigen werden knapp 90 Jahre erreichen und die Schulkinder von heute werden die Grenze von 100 Jahren überspringen. Wenn wir in den Ruhestand treten haben wir ein Drittel unserer Lebensspanne noch vor uns.

Zusammenhang zwischen Ernährung und Gesundheit

Ernährung und Gesundheit

Der Zusammenhang zwischen der Ernährung von Kindern und ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung ist gründlich untersucht und für alle Entwicklungsphasen belegt. Der Zusammenhang zwischen der Ernährung alter Menschen und ihrer Bedeutung für Gesundheit und Krankheitsbewältigung ist erst in den letzten Jahren erforscht worden. Die präventivmedizinische Ernährungs- und Altersforschung bemüht sich, die letzte Lebensphase möglichst gesund mit einem Maximum an Lebensqualität zu erhalten und die Dauer einer Pflegebedürftigkeit so weit wie möglich zu reduzieren. Einerseits ließen Fortschritte in Diagnostik, Therapie und Technik die mittlere Lebenserwartung ansteigen, andererseits nahm der Anteil pflegebedürftiger alter Menschen folgerichtig deutlich zu. Aller medizinischer Fortschritt konnte nicht verhindern, dass wir bei zunehmendem Alter vermehrt ernste Ernährungsprobleme im Sinne einer Unter- und Mangelernährung vorfinden.


Mangelernährung Ursachen und Folgen

Zahlreiche nationale und europäische Untersuchungen haben sich mit dem Phänomen der Mangel- und Fehlernährung in der Geriatrie beschäftigt. Die Häufigkeit wurde in verschiedenen Untersuchungen zwischen 16% und 60 % angegeben. Die Ursachen der Mangelernährung sind vielfältig, die Entstehung generell multifaktoriell und individuell unterschiedlich. Der Ernährungsrückstand wird vom Patienten selbst meist nicht, und von der mit der Pflege betrauten Person sehr spät wahrgenommen. Mangelernährung hat aber schwere Folgen für den Gesundheits- und Allgemeinzustand, das Wohlbefinden und die Lebensqualität. Die Diagnose von Ernährungsdefiziten ist bei alten Menschen genauso ernst zunehmen wie etwa Diabetes Mellitus oder andere chronische Erkrankungen und muss mit geeigneten diätetischen Maßnahmen rechtzeitig und konsequent therapiert werden.

Für folgende Nährstoffe ist der erhöhte Bedarf belegt

Zu den auffälligsten Veränderungen zählt die altersbedingte Abnahme des Energiebedarfs. Die herabgesetzte Muskelmasse reduziert den Grundumsatz. Die zunehmende körperliche Inaktivität mindert darüber hinaus den Energiebedarf bei körperlicher Anstrengung. Gleichzeitig nehmen überproportional stark Appetit und Esstrieb ab. Bei reduziertem Appetit und raschem Sättigungsgefühl braucht der ältere Mensch folglich kleinere Mahlzeiten mit einer höheren Nährstoffdichte. Denn für eine ganze Reihe von Nährstoffen ist belegt, dass der Bedarf im Alter durch Besonderheiten des Stoffwechsels ansteigt. Es konnte nachgewiesen werden, dass eine ausreichende Versorgung mit diesen Stoffen zu einer langsameren Abnahme altersbedingter Organveränderungen führt.

ALTERSVERÄNDERUNGEN UND IHRE BEDEUTUNG FUR DIE ERNÄHRUNG

  • Abnahme von Geschmack und Geruch
  • Kau- und Schluckstörungen
  • Mundtrockenheit und Verminderung der Speichelsekretion
  • Abnahme des Durstempfindens
  • Abnahme der Konzentrationsfähigkeit der Niere
  • Abnahme der Insulinproduktion
  • Abnahme von Entgiftungs- und Syntheseleistungen der Leber
  • Abnahme der Kapazität von Transportmechanismen im Darm (Vitamine, Kalzium, Aminosäuren)
  • Abnahme von Enzymaktivitäten für die Fettspaltung und Kohlenhydratabbau
  • Beeinträchtigung der Appetitregulation- Altersanorexie
  • Veränderung der Körperzusammensetzung
  • Abnahme der Muskelmasse
  • Abnahme des Grundumsatzes

Zunahme des Nährstoffbedarfes an Vitaminen, Spurenelementen, essentiellen Aminosäuren und essentiellen Fettsäuren!

FOLGENDE NÄHRSTOFFE HABEN EINE POSITIVE WIRKUNG AUF DEN ALTERUNGSPROZESS

  • Carotinoide:
    Sind sehr wirksam gegen Sauerstoffradikale und andere aggressive Substanzen.
  • Kalzium und Vitamin D:
    Eine ausreichende Aufnahme dieser Nährstoffe ist wichtig für einen normalen Knochenstoffwechsel. Sie sind in der Lage, das Auftreten einer Osteoporose zu verzögern oder gar zu verhindern.
  • Vitamin E:
    aus klinischen Untersuchungen ist bekannt, dass durch Vitamin- E-Gaben Immunfunktionen zu beeinflussen sind. In Folge der Stärkung der Körperabwehr wird eine geringere Infektanfälligkeit beobachtet.
  • Vitamin C:
    Ältere Menschen weisen bei gleicher Aufnahme signifikant niedrigere Vitamin C -Konzentrationen im Blut auf als jüngere Menschen.
  • Vitamin B 6:
    Eine durch unzureichende Ernährung verursachte Vitamin B6-Verarmung führt bei älteren Menschen zu stärkeren Veränderungen von Gehirnfunktionen als bei jüngeren Menschen. Es scheint ebenfalls verantwortlich zu sein für bestimmte Immunfunktionen.
  • Kupfer:
    Kupfer ist zusammen mit Zink und Eisen für die Funktion des Immunsystems von essentieller Bedeutung.
  • Kalzium:
    Die Empfehlung lautet für die Altersgruppe der über 65 - jährigen Personen eine Aufnahme von 1000 mg pro Tag. Wie erwähnt, kann die ausreichende Zufuhr von Kalzium und Vitamin D den altersbedingten Knochenmassenverlust bremsen.
  • Zink:
    Das Spurenelement Zink ist von essenzieller Bedeutung für die Funktion vieler Enzyme. Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Zinkversorgung und der Immunfunktion.

Ernährungssituation

Während sich die Ernährungssituation gesunder älterer Menschen nicht wesentlich von der jüngerer Erwachsener unterscheidet, sind Unter- und Mangelernährung bei akut oder chronisch kranken alten Menschen weit verbreitet. In großen Verzehrstudien wurden bei 15 % der in Privathaushalten lebenden über 80-jährigen eine Energiezufuhr unter dem berechneten Grundumsatz festgestellt. In einer Krankenhausstudie (Heidelberger Betanienstudie) fanden sich bei 25 % der untersuchten geriatrischen Patienten bereits beim äußeren klinischen Eindruck Zeichen der Unterernährung. Zusätzlich durchgeführte Laboruntersuchungen ergaben bei schließlich 75 % der Patienten Hinweise auf eine gravierende Vitamin-Mangelversorgung. Als Hauptursache wird primär die Altersanorexie angesehen. Erschwerend kommen die genannten Kau- Schluck- und Magen/Darmprobleme hinzu. Mit einer stark reduzierten Nahrungsaufnahme von oft weniger als 1200 kcal/Tag ist eine bedarfsdeckende Aufnahme essentieller Nährstoffe nicht mehr möglich. In der ambulanten Betreuung sind viele Senioren zunächst noch selbstständig und befinden sich in einem labilen Leistungsgrenzenbereich. Nicht selten führen dann akute Ereignisse (z.B. Oberschenkelhalsfraktur, Magengeschwür oder Lungenentzündung) zu einer Dekompensation. In der ambulanten Betreuung wird von pflegenden Verwandten und Ärzten die sich entwickelnde Unterernährung vielfach nicht wahrgenommen oder schulterzuckend als altersentsprechend akzeptiert. Die zunehmende Hinfälligkeit und Pflegebedürftigkeit in Verbindung mit einem wachsenden Ernährungsdefizit macht den Eintritt in ein Altersheim notwendig. So gesehen sind Altersheime häufig das Sammelbecken für die mangelversorgten, schwachen älteren Menschen, bei denen es ambulant nicht mehr möglich ist, Verluste auszugleichen. Alle Kompensationsmechanismen sind erschöpft und es stehen keine Ressourcen mehr zur Verfügung.

Zusammenfassend kann man sagen:

Aufgrund eines engen Zusammenhanges von Ernährung und Gesundheit im Alter kommt der Ernährungstherapie- und Beratung eine hohe Bedeutung zu. Eine bedarfsdeckende Ernährung kann zwar nicht zu ewigem Leben verhelfen, kann aber doch dazu führen, Lebensqualität zu verbessern, physiologische Altersveränderungen zu verlangsamen und Funktionen zu erhalten. Der Erhalt von Selbstständigkeit und Gesundheit reduziert Kosten, vermindert organisatorische Probleme und ökonomisiert den Personaleinsatz. Darum packen wir es an, bevor wir selbst zu alt sind!

Weitere Informationen:
Dr. med. Knoll
Ärztin für Allgemeinmedizin
Anästhesie, Ernährungsmedizin
Marburger Str. 8
34537 Bad Wildungen
Telefon: 0 56 21 / 31 25

 

Nach oben
Aktualisiert am 23.11.2008