
von Dr. med. Carsten Schröter, Chefarzt der Neurologischen Abteilung
„Nicht heilbar“ heißt nicht „unbehandelbar“
„Neuromuskuläre Erkrankungen“ werden oft als Muskelkrankheiten oder
Muskelschwund bezeichnet, da ihre gemeinsame Eigenschaft in der Regel die
Abnahme der Muskelmasse ist mit hierdurch bedingten Schwächen. Hierzu gehören
die Erkrankungen der Nerven und Muskeln, die in der Tabelle zusammengefasst
wurden. Weiter können je nach Krankheit Schluck- und Sprechstörungen, Störungen
der Atmung und der Herzfunktionen, Gefühlsstörungen, Verkrümmungen der
Wirbelsäule (Skoliosen) oder Einschränkungen der Gelenkbeweglichkeit
(Kontrakturen) wie auch Schmerzen durch Fehl- und Überbelastung auftreten. Eine
auf die Ursache abzielende Behandlung ist bei den meisten neuromuskulären
Erkrankungen nicht bekannt. Oft wird das Fehlen einer solchen
Behandlungsmöglichkeit mit generell fehlenden Behandlungsoptionen gleichgesetzt.
Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen können und müssen aber behandelt
werden, um die vorhandenen Fähigkeiten und Funktionen und die Lebensqualität
möglichst lange zu erhalten!
Neben regelmäßigen ambulanten Therapien sind
in der Regel stationäre Reha-Maßnahmen notwendig. Ziele der Therapie
insbesondere in der Rehabilitation bei Patienten mit neuromuskulären
Erkrankungen sind die Verbesserung und das Erhalten der Selbständigkeit in der
Beweglichkeit und Selbstversorgung sowie der Teilhabe am sozialen Leben. Mit dem
Patienten soll dabei auch ein Therapieprogramm erarbeitet werden, das er zuhause
– alleine oder mit seinem Partner – fortsetzen kann. Auch der Umgang mit der
Erkrankung, die Krankheitsverarbeitung, ist in der Regel ein wichtiges Thema.
Die Behandlung wird am effektivsten durch ein multidisziplinäres Team von
Ärzten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden sowie Sozialarbeitern,
Pflegepersonal und Psychologen durchgeführt. Da die Erkrankungen relativ selten
sind, verfügen nur sehr wenige spezialisierte Kliniken über eine ausreichende
Erfahrung wie die Klinik Hoher Meissner.
Im Mittelpunkt der Behandlungen
steht die Krankengymnastik. Hauptziele sind die Besserung der motorischen
Fähigkeiten und der Ausdauer, Optimierung der Koordination und Verbesserung der
Rumpfstabilität. Weiter gehören Gelenkmobilisation, Erhalten der Atemfunktion
und Erleichterung von Alltagsfunktionen zu den Aufgaben. Ergänzt wird die
Behandlung je nach Symptomatik und Beschwerden durch physikalische Maßnahmen.
Hierzu gehören Massagen, Elektrotherapie und Wärmebehandlungen. Ergotherapie hat
die gleichen Ansätze wie die Krankengymnastik, jedoch mit Schwerpunkt auf die
oberen Extremitäten und Rumpf. Hilfsmittelversorgung ist eine Domäne der
Ergotherapie. Hilfsmittel können die Bewältigung der Krankheitsfolgen
erleichtern. Hierzu gehören z.B. Rollstuhl, Duschstuhl, Badewannen- Lifter,
Toilettensitzerhöhungen, Aufrichthilfen, aber auch kleine Hilfen wir Greifzangen
oder spezielle Bestecke. Im Rahmen der Rehabilitation werden Hilfsmittel
ausprobiert und angepasst. Durch die Logopädie werden Störungen des Sprechens
und Schluckens behandelt. Bei Schluckstörungen ist neben dem Üben auch die
Beratung wichtig, beispielsweise hinsichtlich der richtigen Körperhaltung beim
Essen oder zu den geeigneten Speisen. Ist das Sprechen als Folge einer
neuromuskulären Erkrankung schwer gestört und damit die Verständigung nicht mehr
ausreichend möglich, sind Kommunikationshilfen notwendig, beispielsweise
Sprachcomputer. Durch neue Entwicklungen kann bei rechtzeitiger Planung sogar
erreicht werden, dass die Kommunikationshilfe mit der ursprünglichen Stimme des
Patienten spricht. Die behandelnden Logopäden müssen das geeignete Gerät
ermitteln und anpassen. Die psychologische Betreuung ist weiterer wichtiger Teil
der Rehabilitation. Mit dem Ziel der Unterstützung der Krankheitsverarbeitung
werden psychologische Gespräche in Einzelbehandlung und in einer speziellen
Gruppe für Patienten mit diesen Erkrankungen durchgeführt. Alle vierzehn Tage
finden Seminare für Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen statt. Zentrale
Themen sind dabei meist die Symptomatik, Therapie, Genetik und spezielle Aspekte
der Ernährung. Auch über wichtige Komplikationen der jeweiligen Erkrankungen
werden die Patienten informiert und erhalten ggf. Notfall- Ausweise.
Wichtige Arbeit leisten gerade bei chronisch fortschreitenden
Erkrankungen, wie den neuromuskulären Erkrankungen, die
Selbsthilfegesellschaften. Die Deutsche Gesellschaft für Muskelkranke (DGM) oder
bei Patienten mit Postpoliosyndrom die Polio - Allianz e.V. und der
Bundesverband Polio e.V. gehören hierzu. Während der Rehabilitation werden die
Patienten auch darüber informiert. Generell wird ein enger Kontakt mit den
Selbsthilfegesellschaften gepflegt.
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Der Gangtrainer: Auch für die
Behandlung von Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen
sinnvoll einzusetzen. |
Ein umfangreiches Informationsprogramm ist den Internet-Seiten
www.informationen-zu-krankheiten.de und der Klinik Hoher Meissner
(www.reha-klinik.de) zu entnehmen. Unter „Informationen über Krankheitsbilder
für Patienten (Neurologie)“ sind Übersichten und Einzeldarstellungen der
neuromuskulären Erkrankungen zu erhalten.
Für weitere Informationen steht
Ihnen gerne zur Verfügung:
Dr. med. Carsten Schröter
Chefarzt
Neurologische Abteilung
Klinik Hoher Meissner
Hardtstraße 36
37242
Bad Sooden-Allendorf
Tel.: 05652 – 55 861
Fax.:
05652 – 55 814
Internet: www.reha-klinik.de
Mail:
neurologie@reha-klinik.de
1. MUSKELERKRANKUNGEN (MYOPATHIEN)
a.
Muskeldystrophien, z. B.
- Typ Duchenne
- Typ Becker-Kiener
- Gliedergürteltyp
- Fazio - skapulo -humerale Muskeldystrophie
- Typ Emery - Dreifuss
- andere
b. Myotone Muskelerkrankungen
- Myotone Dystrophie
- PROMM (Proximale myotonische Myopathie)
- Myotonia congenita (Thomsen)
- Myotonia congenita (Becker)
c. Erbliche metabolische
Muskelerkrankungen
(Stoffwechselstörung in der
Zelle)
- Glykogenspeicherkrankheiten
- Lipidspeicherkrankheiten
- Mitochondriale Myopathien
d. Endokrine Myopathien
e. Kongenitale Myopathien
f.
Entzündliche Myopathien
- Polymyositis
- Dermatomyositis
- Einschlusskörpermyositis
2. ERKRANKUNGEN DES ÜBERGANGS VOM NERV ZUM
MUSKEL
a. Myasthenia gravis
b. Lambert-Eaton-Syndrom
3. ERKRANKUNGEN DER NERVENFASERN
3.1. SPINALE MUSKELATROPHIEN UND
MOTONEURONERKRANKUNGEN
a. Poliomyelitis
b. Spinale Muskelatrophien
- juvenile oder adulte Form (Kugelberg, Welander)
- andere adulte Formen
c. Amyotrophe Lateralsklerose
3.2. POLYNEUROPATHIEN
a. Neurale Muskelatrophien (Charcot, Marie, Tooth)
- HMSN (hereditäre sensomotorische Neuropathie) Typ I
- HMSN Typ II
- HNPP
b. andere vererbliche Polyneuropathien
c.
Guillain-Barré-Syndrom (idiopathische Polyneuritis)
d.
andere Polyneuropathien