von Jörg Eisenhut, Diplom-Psychologe
Susanne Korf hatte 25 Jahre lang ein ganz normales Leben geführt. Sie stand
kurz vor dem Examen und wollte Lehrerin für Deutsch und Religion werden. Sie war
sehr engagiert in der evangelischen Jugendarbeit und leitete dort Freizeiten.
Als leidenschaftliche Musikerin spielte sie Gitarre und sang.

Im Mai 2000 landete sie mit ihrem Auto an einem Baum. Dabei erlitt sie eine
Querschnittlähmung und ein Schädelhirntrauma. Anfangs musste sie beatmet werden,
konnte nichts bewegen. Lange Zeit stand nicht fest, ob ihr Gehirn bleibende
Schäden zurückbehalten würde. Durch die Behandlung in der Werner Wicker Klinik
lernte sie wieder eigenständig zu atmen. Durch neuropsychologisches Training
konnte das Schädelhirntrauma folgenlos geheilt werden. Geblieben ist eine
Tetraplegie = (Teil-) Lähmung aller 4 Gliedmaßen. Frau Korf ist auf einen
Elektrorollstuhl angewiesen. Nur ihren rechten Arm kann sie gut einsetzen. Bei
der Körperpflege und beim Anziehen ist sie auf vollständige Hilfe angewiesen.
Essen muss ihr zubereitet werden. Frau Korf hat mittlerweile ihren Studiengang
gewechselt und wird nächstes Jahr den Abschluss Diplom-Pädagogin erhalten. Sie
setzt sich engagiert mit eigenen Artikeln für Respekt gegenüber behinderten
Menschen ein. Nach 5 Jahren ist sie das erste Mal wieder in der Werner Wicker
Klinik zum Auftrainieren.
Hier führte Diplom-Psychologe Jörg Eisenhuth folgendes Interview mit
ihr.
Eisenhuth: Frau Korf, was haben
Sie als größte Hilfe erlebt in der Zeit nach Ihrem Unfall?
Korf: Was mir in erster Linie Rückhalt gegeben
hat, war meine Familie. Die Schlüsselsituation war mit meiner Mutter. Das war
noch auf der Intensivstation. Da habe ich meiner Mutter gesagt, wenn das jetzt
immer so bleibt, weiß ich gar nicht, ob ich damit leben will. Dann hat mich
meine Mutter angeguckt und nur gesagt: Das ist egal, wie du jetzt bist, ob du
noch laufen kannst oder nicht. Aber du bist da. Dass du da bist, ist uns viel
wichtiger als wie du jetzt durchs Leben kommst. Das ist immer noch besser, als
wenn du beim Unfall gestorben wärst. Wir haben dich so lieb, wie du jetzt bist.
Das war für mich eine so wichtige Aussage, dass ich danach nie mehr gefragt
habe, wie ich damit klar kommen soll. Oder dass ich daran zerbrochen wäre, dass
ich nun im Rollstuhl sitzen werde. Das andere war, als mir mein Vater den
Zeitungsartikel mit einem Foto von meinem Unfallauto entgegen-gehalten hat mit
dem Satz: Da haben deine Schutzengel ganz schön Überstunden gemacht, dass du da
wieder lebend rausgekommen bist. Das war das erste Mal, dass mein Vater von
Schutzengeln geredet hat. Überhaupt irgendwas Religiöses erzählt hat, was mir ja
immer besonders wichtig war. Dann dachte ich mir halt, wenn mein Vater das so
sieht, dann muss da was dran sein. Und von daher war für mich klar: Wenn du aus
so einem Wrack rausgekommen bist, dann sollst du hier noch irgendwas beschicken,
was auch immer.

Eisenhuth: Das bedeutet, es hat noch
einen Sinn, dass sie das überlebt haben?
Korf: Es
ist dadurch sogar noch unterstrichen worden. Es ist nicht egal, ob du hier bist,
sondern es hat schon einen Sinn.
Eisenhuth: Haben
sich denn ihre Beziehungen durch den Unfall
verändert?
Korf: Ja, das würde ich sagen, ist eine
der größten Veränderungen. Leute, die mit mir weiterhin zu tun haben wollen,
müssen damit klar kommen, dass nicht ich diejenige bin, die sie besuchen kommt,
sondern dass sie es sind, die mich besuchen kommen müssen. Ganz einfach
deswegen, weil in meinem gesamten Freundeskreis gibt es nämlich nur ein oder
zwei Leute, wo ich überhaupt die Möglichkeit habe reinzukommen. Ich weiß nicht,
ob ich weniger Beziehungen habe. Meinen 30. Geburtstag habe ich jetzt mit über
60 Leuten gefeiert. Aber es sind nur wenige, wo ich weiß, da kann ich anrufen,
wenn es mir mal schlecht geht.
Eisenhuth: Was war
ihnen noch wichtig in der ersten Zeit?
Korf: Hier
in der Klinik Kontakte zu haben. Ein Beziehungsgeflecht aufzubauen. Zum einen
Krankengymnasten, Ergotherapeuten. Dann aber auch Pastor George als jemand, bei
dem ich gerne war und was mir sehr wichtig war. Das war auch jetzt bei diesem
Aufenthalt sehr schön, auf bekannte Leute zu treffen. Wo selbst diese Klinik
beinahe zu einem Ort wird, an dem man nach Hause kommt. Wo Menschen sind, von
denen man wiedererkannt wird. Das ist mir sehr wichtig, weil ich auf einer
Beziehungsebene funktioniere. Wenn das mal nicht hinhaut auf der Beziehungsebene
wie mal mit einer Mitpatientin, wird es schwierig. Das war früher schon so und
ist auch so geblieben... Das heißt nein, das hat sich sogar durch den Unfall
verstärkt. Früher hätte ich mich umgedreht und wäre weggegangen. Jetzt bin ich
ja nicht mehr so flexibel und kann nicht einfach weglaufen und muss die
Situationen ganz anders aushalten. Man wächst zwar daran, aber leider ist es
manchmal ein sehr langsames Wachsen.
Eisenhuth:
Was haben Sie als besonders erlebt beim Übergang vom Krankenhaus nach Hause?
Korf: Erst einmal war es schön, überhaupt wieder
nach Hause zu kommen. Dann dabei zu sein, wie der Umbau zu Hause weiter
voranschreitet. Mal wieder selbst bestimmen zu dürfen: Wie sollen meine Tapeten
aussehen, endlich mal ein Dunkelblau bekommen. Die größte Schwierigkeit war,
sich wieder einen eigenen Rhythmus zu erarbeiten. Den Tag so zu strukturieren,
dass ich abends auch das Gefühl hatte, wenn du ins Bett gehst, dann hast du
irgendwie was gemacht. Dann hast du nicht nur rumgedaddelt und irgendwie den Tag
vorm Computer gesessen und halt eben gar nichts Konstruktives gemacht. Das hat
aber auch ein Weilchen gedauert, wenn ich mich da recht erinnere. So eine
Tagesstruktur zu bekommen, wo ich dann so im Rollstuhl sitze, dass ich die Zeit
für mich nutzen kann und eben nicht darauf angewiesen bin, dass ich in der Zeit
ständig Hilfe bekomme oder eben tatsächlich auf irgendwen warte oder so. Je
besser das geklappt hat, desto besser gings mir dann auch. Das war
wichtig.
Eisenhuth: Wie waren denn die Kontakte
zuhause am Anfang? Die Begegnung mit Leuten, die Sie dann das erste Mal gesehen
haben?
Korf: Das kam drauf an. Also viele waren
dann da, die mich hier in der Klinik halt schon irgendwie besucht hatten. Wie
war das? Ich hab mich, glaub ich, relativ schnell daran gewöhnt, dass die
natürlich erst mal gucken. Ich hab mir angewöhnt, dass, wenn mir diese Menschen
aus welchem Grund auch immer am Herzen liegen, dann hab ich halt zugesehen, dass
ich hinfahre und irgendwie Kontakt knüpfe, weil ja manchmal war die Hemmschwelle
von den Leuten halt zu groß, um mal selber herzukommen. Naja und es war
hauptsächlich schon mal positiv, den Leuten entgegen zu treten. Natürlich sagten
manche: Ach Susanne, wie geht´s dir denn, dir muss es doch unheimlich schlecht
gehen. Wo ich dann immer sagen konnte: Nee, eigentlich nicht, warum? Weil ich ja
immer so das Gefühl hatte, von wegen wie mein Auto ausgesehen hat, verdammte
Kiste, dafür geht´s mir fantastisch. Ich konnte es immer überhaupt nicht haben,
wenn man mir da zu mitleidig begegnet. Natürlich kann ich das nachvollziehen.
Spätestens wenn ich mich dann mal mit Leuten unterhalten habe, erwarte ich, dass
die ihr Mitleidsgefühl so ein bisschen zurückstellen. Besonders im Supermarkt
ist es immer sehr schön, wenn man da lang fährt und auf einmal steht ein Kind
neben einem. Ein kleiner Junge, der guckte dann, guckte sich meine Steuerung an,
ging einmal um meinen Rolli drumrum, guckte sich die Lichter an, guckte sich
links die Lichter an, guckte mich an und meinte: Wie schnell fährt der denn?
Also da kann man schon wirklich Sachen erleben, die sind einfach schön, sind
wirklich schön. Wo dann meist die Eltern dahinter stehen und sagen, lass mal die
Rollstuhlfahrerin in Ruhe, so was fragt man nicht. Aber ich liebe solche
Begegnungen, das ist toll. Doch, so was mag ich.
Eisenhuth: Was sind die größten Unterschiede, wenn
Sie vor dem Unfall und nach dem Unfall miteinander vergleichen?
Korf: Dass ich nicht mehr Gitarre spielen kann.
Und dass ich keine Freizeit mehr machen kann, das ist schade.
Eisenhuth: Was meinen Sie mit Freizeit?
Korf: Ich war vorher in der Jugendarbeit recht
aktiv und ich fand es immer fürchterlich, wenn andere Leute Freizeiten geleitet
haben. Ich hab das lieber selber gemacht und ich kann mich an eine Freizeit
erinnern, 1998, die hab ich mit 3 oder 4 anderen Jugendlichen zusammen geleitet.
Nach meinem Unfall hab ich ein paar Jugendliche getroffen, die auch auf der
Freizeit mit waren. Die haben mir dann vorgeschwärmt, wie toll ich da gekocht
hätte. Da musste ich mich erst mal zurückerinnern. Wie? Gekocht. Stimmt. Ich
habe ja gekocht und das ist dann schon ganz witzig, wenn einem 3 – 4 Jahre
später Jugendliche noch sagen können, was man da am letzten Tag für eine Suppe
gekocht hat. Das hat mich schwer beeindruckt und das spricht dafür, wie gern ich
so was eben halt auch gemacht habe und jetzt zu sehen, so was nicht mehr zu
können. Leider, das ist schade. Also, das fehlt mir dann doch, wo mir jetzt erst
klar ist, wie viel ich halt vorher dann selbstständig gemacht habe bzw. schlicht
alleine organisieren konnte. Materialien besorgen, sich um dieses und jenes
kümmern oder halt einfach mal schlicht einkaufen. Das sind so Sachen, die kann
ich jetzt nicht mehr bzw. bräuchte dabei Hilfe, dass es jemand macht oder
zumindest jemand, der mich dann fährt und das sind dann alles so Gründe,
weswegen ich dann auch gesagt habe, naja so Jugendarbeit, damit ist dann auch
gut. Ein bisschen schade. Ich muss mir schon überlegen, was will ich machen, was
schaff ich, wie organisier ich das. Gut und dadurch dass das Studium dann kam,
dann konnte ich auch locker sagen: Das Studium nimmt mich so in Anspruch und
fordert mich so, dass da auch kaum noch Raum ist für andere Sachen. Von daher
fehlen mir die anderen Sachen dann auch nicht so.
Eisenhuth: Insgesamt bedeutet Ihr Leben jetzt sehr
viel Organisation? Sie müssen heute an sehr viel mehr denken?
Korf: Selbst wenn ich ins Kino will, muss ich halt
wissen, ob einer von meinen Fahrern da ist. Gut, ich hab den Vorteil, dass wir
zuhause einen Bully haben, mit dem ich dann auch gefahren werden kann. Das ist
ja schon mal besser, als wenn ich da immer noch auf einen Fahrdienst angewiesen
wäre, aber auch in meiner Familie hat ja nicht immer irgendwer Zeit, nur für
mich was zu machen. Uni geht genauso gut wie vorher. Dank meines Vaters, der
mich morgendlich hinfährt. Die Stunden, die es dauert, dann wartet, sich
inzwischen mit dem Hausmeister gut angefreundet hat, aber es ansonsten genießt.
Eisenhuth: Was würden Sie darunter verstehen, wenn
man Sie fragt, ob sie die Querschnittlähmung verarbeitet haben?
Korf: Ich würde sagen: Ja, schon. Einer meiner
großen Vorteile ist, dass ich sehr viel reflektiere. Es ist mir noch nie schwer
gefallen, das was ich tue oder mein Umfeld, naja mein Leben zu reflektieren. Hab
das immer gerne getan und hab sozusagen daran angeknüpft. Das war keine
Fähigkeit, die ich nach dem Unfall neu erlernen musste. Klar, der Unfall ist als
neuer Bezugspunkt dazugekommen, den ich damit einbeziehen muss ins Denken. Aber
ansonsten kann ich das zum Glück. Was mir wahnsinnig geholfen hat beim
Verarbeiten, war der Artikel. Irgendwo meine ersten Eindrücke als Behinderte zu
schildern. Das hat mir nicht nur selber geholfen, sondern die Möglichkeit, dass
dieser Artikel veröffentlich wurde, meine Adresse und E-mail steht ja darunter,
dass ich da dann auch Rückantwort drauf bekommen habe, Feedback. Das war
eigentlich das Allergrandioseste. Ich hab festgestellt, dass es eine gute
Möglichkeit ist, Hemmungen abzubauen oder meinen Abstand abzubauen. Dann ist das
immer ein guter Einstieg, mit dem man einfach ins Gespräch kommen kann, um eben
nicht nur einfach als Behinderte betrachtet zu werden, sondern mit den Leuten
ins Gespräch zu kommen, wie man halt trotz Behinderung drauf ist, wie man damit
klar kommt, um von diesem Gespräch über Behinderung dann wegzukommen und auf
eine Beziehungsebene zu kommen, wo es halt wieder völlig normal wird,
miteinander umzugehen.

Über eine Rückmeldung freut sich:
Susanne Korf
Seggebrucher Holz 18
31691 Seggebruch
Email: susanne@seggebruch.de
Verfasser
des Artikels:
Jörg Eisenhuth, Diplom-Psychologe
Werner Wicker Klinik
eisenhuth@werner-wicker-klinik.de