von Claude Grenacher
Kunsttherapeut, grenacher@wicker-klinik.de
Wenn es darum geht sich so wenig wie möglich zuzutrauen, sind wir
Erwachsene den Kindern weit voraus. Kreativität, Neugierde, Abenteuergeist,
Unbefangenheit und Vertrauen sind die Ressourcen, die jeder von uns als Kredit
mit in die Wiege gelegt bekommt. Aber schnell scheint dieser Kredit
aufgebraucht. Ohne es oft wahrzunehmen, haben wir um uns herum Zäune und Mauern
zu unserem Schutz aufgebaut, ohne sie ab und zu mal in Frage zu stellen.
Dadurch entstehen aus berechtigtem Schutz Zweifel, Angst und
Vorurteile. Unser Horizont wird immer kleiner und unsere Handlungsfreiheit
kann sich nur noch in einem ganz engen, beschränkten Raster bewegen. Für Freude,
Lust und Spaß bleibt da kein Platz mehr übrig.

"Ich kann nicht malen ..."
Genau hier setzen
wir mit der Kunsttherapie an: Malen heißt ganz elementar erstmals einen Pinsel
in die Hand nehmen und damit über ein Blatt zu streichen. Dabei geht es nicht um
Technik, sondern um Ausdruck.
Da wo das Kind (noch nicht von den Maßstäben Erwachsener
"infiziert") im Hier und Jetzt ganz konzentriert seinen Raum ausbaut und
gestaltet, steht der vernünftige Erwachsene schon unter Leistungsdruck und
Selbstzweifel.
Er steht nicht im Kontakt mit seinem Innern, sondern sein
"Gefühl" wird von außen beherrscht.
Genießen, Spaß haben, Erfahrungen sammeln kann ich nur im Hier und
Jetzt, und das wirkt sich auf das Nachher aus. "Der Weg ist das Ziel", sagen
diejenigen aus dem fernen Osten, oder "ich weiß nicht wo ich hingehe, aber ich
gehe trotzdem", sagen sie im "Laissez-faire-Land". Ist es anders rum,
beeinflussen meine meist zu hoch gestellten Erwartungen (zu oft fremdbestimmt!)
mein jetziges Erleben, kann ich nur Druck und Stress empfinden. Keine Chance,
die Lebensqualität positiv zu füttern. Es macht also etwas aus, mit welchen
Erwartungen ich in den Tag gehe. Es sind die Gefühle, die mit den Erfahrungen
einhergehen, die meine Handlungsfreiheit bestimmen. Durch mein
Selbst-Bewusst-Sein kann ich diese wahrnehmen und so bewusster urteilen und
Entscheidungen treffen.
"Ich kann nicht malen ..."
Wie werden die
Anderen wohl über mich urteilen (endet meistens in Selbstabwertung)? Hätten die
Impressionisten so gedacht (sich auf das Urteil der andern verlassen), gäbe es
keine berühmten Seerosen von Monet.
Frei vom Zieldenken, vom Leistenmüssen,
kann ich mir Freiräume schaffen, wo ich selbst meine Leistung "bewerten" kann.
Dieses Gefühl der Freiheit und der wiedergefundenen Kreativität
werde ich als positive Erfahrung aus der Kunsttherapie mitnehmen und ins
alltägliche Tun mitnehmen.

... und eigentlich noch
viel mehr! Ich bin kreativ und bestimme selbst, wie ich mit der Situation umgehe
und wie ich mich dabei fühle.