Wicker-Magazin 15. Ausgabe · Januar-Dezember 2009 · www.wicker-magazin.de
Druckversion vom 22.12.2008
URL: http://www.wicker-magazin.de/15/cholesterin-und-die-psyche.html
Keine Sorge: Ich will niemanden in die "Psychokiste" stecken. Wir sollten uns aber schon ernsthaft fragen, ob es nicht auch psychische Einflüsse gibt, die den Cholesterinspiegel beeinflussen. Wir wissen heute, dass viele Krankheiten psychosomatisch sind, also einen gewissen Zusammenhang zwischen Seele und Körper aufweisen. Welchen Anteil hat aber nun die Psyche am Cholesterin?
Ich sehe immer wieder Patienten, die sich streng vegetarisch ernähren und regelmäßig Ausdauersport betreiben, also schon Vieles richtig machen, und trotzdem hohe Cholesterinwerte haben. Wenn eine familiäre Hypercholesterinämie ausgeschlossen ist, dann bleibt eigentlich nur noch die Psyche übrig. Ich beobachte oft, dass solche Menschen wie das Kaninchen auf die Schlange starren, wenn es um ihren Cholesterinwert geht, oder sie innerlich stark angespannt sind oder sie einen unbewältigten Konflikt in sich tragen. Die Themen wären hier also Angst, Verkrampfung oder Konfliktbewältigung/-verarbeitung. All dies bedeutet Stress für den Organismus. Und Stress ist einer der wichtigsten Faktoren für Cholesterinerhöhung.
Aus der Grundlagenforschung wissen wir, dass es bei Anstieg der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Kortison im Blut auch zu einem Anstieg der Fettsäuren, des Blutzuckers und des Cholesterins kommt. Gleichzeitig regulieren die Stresshormone die LDL-Rezeptoren an den Zellwänden herunter. Die LDL-Rezeptoren fischen Cholesterin aus dem Blut und schleusen es in die Zellen ein. Stress verbessert also die Cholesterinbereitstellung und verhindert den Abbau - Folge: Exzessive Cholesterinanstiege.
Stress ist lebensnotwendig - im rechten Maß
Warum hat die Natur das so eingerichtet? Die Natur tut selten etwas, ohne dass ein Sinn dahinter steckt. Stress hat sich im Laufe der Evolution als lebensnotwendig, im wörtlichen Sinne sogar als überlebensnotwendig herausgestellt. Stress bereitet uns im Leben auf Kampf oder Flucht vor (oder wie es im Neudeutschen so schön heißt: fight or flight). Dafür benötigen wir Energie, die durch die Stoffwechselvorgänge bereitgestellt wird, die von den Stresshormonen initiiert werden. Jedes Mal, wenn wir gestresst sind, weil wir einen Streit mit dem Partner hatten, der Chef uns ungerecht behandelt hat oder ein Autofahrer uns die Vorfahrt genommen hat, dann müssten wir eigentlich einen 10.000 m-Lauf machen, um den Stress und die dadurch im Blut angehäuften Mengen von Fett und Zucker wieder abzubauen. Dies geschieht allerdings nur äußerst selten. Noch schlimmer verhält es sich bei chronischem Stress, z.B. einer juristischen Auseinandersetzung, die sich über Jahre hinzieht, einen nicht enden wollenden Streit mit der buckeligen Verwandtschaft oder Konflikte am Arbeitsplatz, die sich über lange Zeit nicht lösen lassen.
Hier schwelt etwas dauerhaft. Dabei werden laufend Stresshormone freigesetzt. In der Regel merken wir noch nicht einmal den Stress, weil wir ihm ja chronisch ausgesetzt sind und wir uns scheinbar an ihn "gewöhnt" haben. Unser Organismus hat sich aber nicht daran gewöhnt und hält nach wie vor die Stoffe für uns bereit, die wir eigentlich für Kampf oder Flucht bräuchten.
Einige Beispiele sollen zeigen, wie sich Stress auf den Cholesterinwert auswirkt. In einer Studie hat man Finanzbeamten einem Zeitdruck ausgesetzt (ich wusste gar nicht, dass das geht, aber die Wissenschaftler haben es irgendwie geschafft). Die Folge: Der Cholesterinwert der Finanzbeamten stieg signifikant an.
Also sollte man doch meinen, Arbeit ist ja immer mit einer
gewissen Menge von Stress verbunden und damit stets unvorteilhaft.
Das Beste wäre also, überhaupt nicht zu arbeiten. Weit gefehlt! In
einer anderen Studie fand man heraus, dass Arbeitlose mit einem
deutlichen Anstieges ihres Cholesterins reagieren. Irgendeine
Arbeit zu haben, scheint also immer noch besser zu sein, als gar
nichts zu tun, weil das eben noch mehr stresst.
Zum Schluss noch ein Tierexperiment: Man setzte Gorillas einem
sozialen Stress aus. Es ging um Rangkämpfe innerhalb der Hierarchie
der Gruppe. Bei den rangniedrigeren Männchen kam es zu eine
deutlichen Abfall des HDL-Cholesterins, also unseren "guten"
Schutzcholesterins.
Man kann ja über die Übertragbarkeit von Tierversuchen auf den Menschen trefflich streiten, ich glaube aber, dass "Rangkämpfe" auch beim Menschen sehr häufig sind. Denken Sie an die Machtkämpfe in manchen Familien. Bestimmt die "böse" Schwiegermutter, wo dieses Jahr Weihnachten gefeiert wird, hat Tante Herta uns wieder einmal ihren Willen aufgezwängt oder hat der Familienvater schon wieder einen Urlaub am Meer gebucht, weil er gerne segelt, die Ehefrau aber lieber einmal in die Berge möchte? Hat der Chef einem schon wieder einmal den unangenehmen Auftrag gegeben, während Kollege Müller sich immer die Rosinen herauspicken darf? Hat bei der jährlichen Vereinssitzung des Rammlervereins Gelsenkirchen wieder einmal Metzger Koslowski seine Spezis in den Vorstand drücken können, während oppositionelle Strömungen wie schon letztes Jahr abserviert wurden? Man könnte die Serie mit Parteien, Bürgerinitiativem, Kirchengemeinden etc. beliebig fortsetzen. Überall, wo Menschen zusammenkommen, geht es immer auch um Dominanzstreben und Machtausübung. Wann immer sich ein Mensch in einer solchen Situation unterlegen fühlt und gestresst oder frustriert ist, wird das gute HDL sinken. Und es gibt nur ein sicheres Mittel gegen niedriges HDL - siehe Bewegung.
Entspannungsverfahren senken das Cholesterin nachweislich
Wenn nun Stress nachgewiesenermaßen die Cholesterinwerte ungünstig beeinflusst, wie ist es dann mit dem Gegenteil? Helfen entstressende Maßnahmen tatsächlich, das Cholesterin zu senken? Auch hierzu gab es Versuche. Man hat Menschen mit erhöhtem Cholesterin zufallsmäßig in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe sollte so leben wie bisher (Kontrollgruppe). Die andere Gruppe musste (falsch: sie durfte!) täglich Yoga praktizieren. Ergebnis: Nach vier Wochen sank in der Yoga-Gruppe das Cholesterin um etwa 10 % ab - ohne Medikamente! In der Kontrollgruppe blieben die Werte selbstverständlich unverändert. Was für Yoga gilt, trifft natürlich auch für andere Entspannungsverfahren zu. Egal, ob man Yoga praktizieren, autogenes Training betreiben oder meditieren - alles, was entspannt, wird auch das Cholesterin sinken lassen.
Der deutsche Philosoph Friedrich Christoph Oettinger sagte im 18. Jahrhundert:
"Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden."
Wer sich daran hält, hat zur Senkung der (möglicherweise Stress bedingten) Cholesterinerhöhung bereits einen enormen Beitrag geleistet!